Sudetenbote

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Siedlungsgebiete der Deutschen in Boehmen, Maehren und Sudeten Schlesien

Willkommen zur Internet-Webseite des Sudetenboten. Sie wurde zusätzlich zur von Willi Wanka 1964 in Kanada gegründeten und heute von Hans Mirtes in Frontenhausen herausgegebenen Druckausgabe des Sudetenboten geschaffen, um Informations- und Gedankenaustausch im Sinne der Interessen, Ziele und Aufgaben der 1945-1947 entrechteten, enteigneten und vertriebenen Sudetendeutschen Volksgruppe zu fördern.

 

Der Sudetenbote unterstützt eine Europäische Union, in der alle Menschen, Volksgruppen und Völker gleichberechtigt in Frieden, Freiheit und Wohlstand miteinander leben können, im Sinne der von den Vereinten Nationen verabschiedeten Konventionen über Bürger- und Menschenrechte, einschliesslich des Rechts auf Heimat. Aus diesem Grund verurteilt er die Existenz und Anwendung von Rassengesetzen, wie die in Tschechien und in der Slowakei noch immer geltenden Beneš-Dekrete, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Entrechtung, Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen führten. Der Sudetenbote fördert den Versuch einer Wiedergutmachung des an den Sudetendeutschen begangenen Unrechts.


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Thursday, July 30, 2009

Versoehnung?!

In der Sudetenpost Folge 13/14 vom 9. Juli 2009 war auf Seite 5 folgender Eintrag zu lesen:

 Marienbader Erklärung vom 22. Mai 2009 der Unterzeichner des Forums Versöhnung 2008 zwischen Sudeten­deutschen und Tschechen:

 Wir Unterzeichner des Forums Versöh­nung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen zählen überwiegend zu den letzten Zeitzeugen der Vertreibung von Menschen aus ihrer Heimat nach dem Kriegsende wie auch der Untaten des Nationalsozialismus in den Jahren zuvor.

Es ist unser Bemühen, einen entschei­denden Beitrag zu leisten, daß nach über 60 Jahren endlich auch Frieden einkehre im Kernland Europas, im Zentrum einer alten europäischen Kultur, zwischen Völ­kern, die über Jahrhunderte in  Gemein­samkeit Großes geleistet haben.

Wir schließen uns all denen an, die aufgehört haben mit dem gegenseitigen Aufrechnen der Untaten. Wir wollen alle ermuntern, aufeinander zu hören, miteinander zu reden, und zwar in einem Dialog aus christlichem Ursprung.

Ehrliches Wollen bedarf keiner umfänglichen Erklärung. Ihm genügt der Kernsatz des christlichen Hauptgebetes, das Vater­unser: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Wir sagen nur das. Das aber bewußt ohne Wenn und Aber. Wir wollen das auch mit allen notwendigen Konsequenzen menschlichen Handelns und Verhaltens begleiten. An die Stelle von Anspruchden­ken soll Großmut treten, und zwar auf bei­den Seiten.

Aus solcher Versöhnung folgt dann die Pflicht, auf die Beseitigung von Belastun­gen der jeweils anderen Seite hinzuwirken, mit dem Ziel, auch dauerhaften Rechtsfrie­den zu erreichen.

Und wir sagen dies auch in Ehrfurcht vor den vielen unschuldigen Opfem, die Krieg, Besetzung und Vertreibung gefordert ha­ben. Sie sind keineswegs vergessen.

Es wird auch in deren Sinne sein, daß wir Überlebenden uns ein für allemal die Hand zum Friedensschluß reichen. Damit fänden dann auch ihre Opfer noch einen späten Sinn. Möge so auch in unseren Hei­matländern ein dauerhafter Frieden ein­kehren!

  Die Unterzeichner

 

Zu dieser "Marienbader Erklärung 2009" äusserte sich Ewald Rust aus Baden-Baden in einem Schreiben vom 24. Juli 2009:

 

In der Regel verdienen anonyme Veröffentlichungen keine Beachtung, auch wenn sie mit christlichen Metaphern umhüllt sind. Jesus Christus bediente sich in keiner Situation seines Lebens, Wirkens und Sterbens der Anonymität.

Die Anwendung von Metaphorik gibt Aufschluß über Reaktionsmuster bzw. von selektiver Wahrnehmung und Befinden der Anonymen, die Metapher mit Wirklichkeit zu verwechseln, kurz, sie sonnen sich in der Kohärenz der Ewig Guten. Im Kontext mit ihrer Erklärung ist dieses eine Relevanzanmaßung par excellence, sie provozieren mit hymnischem Plädoyer, ohne Sensibilität. Das Credo der Erklärung minimiert auf ungebührliche Weise die Wirkung der fortbestehenden unsere Volks­gruppe betreffende Benesch-Dekrete und ihre Prinzipien. Der vermeintlich progressive Inhalt der Erklärung der Anonymen ist weitgehend angereichert mit subjektiven Darlegungen.

Es ist wichtig, Gefühle von Menschen in der Tschechischen Republik, die während der deutschen Besatzung des Landes im Zweiten Weltkrieg Leid erfuhren, nicht zu verletzen. Dieses muß unser Maßstab sein. Gänzlich unqualifiziert und damit inakzeptabel allerdings ist die unerträgliche Einlassung der Anonymen, ...."Damit fänden dann auch ihre Opfer noch einen späten Sinn". Mord, Massenerschießungen, Beraubung, Vergewaltigung, Zwangsarbeit und Vertreibung ergeben niemals einen Sinn, weder in unserem Kulturkreis noch sonstwo. Dabei bilden juristische und moralische Aspekte Hilfsschienen: Der juristische Aspekt bei uns besagt, dass Mord und Völkermord nie ver­jähren. Der moralische besteht in Signalen der Ethik und der Respektierung christlicher Grundsätze im Rahmen von Humanismus.

Die Anonymen verweisen in ihrer Erklärung auf eine eigenwillige Gerechtigkeitstheorie, indem sie sich als theologisch-ethische Standortbestimmung auf das christliche Hauptgebet - das Vaterunser ­- beziehen. Sie verkennen dabei, dass letzteres kein Ablaßvehikel für Schuld ist. Die anonymen Unterzeichner der Marienbader Erklärung lassen gänzlich außer Acht, dass zur Vergebung von Schuld drei Grundvoraussetzungen gehören, das Bekennen, das Bereuen und die Buße. Diese, ebenfalls christliche~Grundlagen der Versöhnung, werden von den Anonymen schlicht unterschlagen. Das Festhalten an die unsere Volksgruppe betreffenden Benesch-Dekrete durch die Tschechische Republik ergibt eine Konsequenz, die bei freier Betätigung des Verstandes nicht ausschließlich auf religiöser Basis zu bewältigen ist. Ein Dialog muß grundsätzlich am Willen zur Findung von Wahrheit gebunden bleiben.

Bezeichnend und kein Einzelfall für weltanschauliche Differenz, Zukunftsperspektive und vorherrschende Moral in unserer Heimat ist zum Beispiel die Einlassung des Ratsherrn Ludvik Micuch aus Postoloprty - ehemals Postelberg- im Deutschlandfunk in Europa Heute: "Postelberg will endlich Ruhe vor dem Zweiten Weltkrieg (haben)". "Und seinen Wählern", sagt er, könne er nicht erklären, warum man große Summen für einen Gedenkstein ausgibt, schließlich könne man für das Geld auch ein paar Meter Bürgersteig renovieren". Dieses kommentiert sich selbst. In Postelberg fand im Juni 1945 das größte Nachkriegs-­Massaker in der CSR an deutschen Zivilisten statt. Sudetenpost, BILD und andere Medien berichteten darüber.

Die Marienbader Erklärung 2009 der Anonymen verkommt zur heillosen Suada, indem man begrifflich Opfer offenbar in Kategorien einteilt, unschuldig und schuldig. Opfer im Christentum ist die Deutung des Todes für die Sünde. Umgangssprachlich ist das Opfer ein betroffenes Objekt eines Übels. Beides ist gleichermaßen zutreffend und die Anonymen sollten sich ins Stammbuch schreiben, dass sie weder eine rechtliche noch eine moralische Autorität haben, zwischen unschuldigen und sogenannten schuldigen Opfern zu unterscheiden. Rechtsstaatlieh wird Schuld immer von einem unabhängigen Gericht festgestellt und ein Delinquent ist alsdann höchstens als Opfer seiner selbst anzusehen. In der Tat ist jedes Opfer der Gewalt ein Opfer zu viel.

Die Anonymen schreiben von Versöhnung und von Rechtsfrieden. Versöhnung, das Bestreben des Humanismus ist ein von beiden Seiten zu tragender moralischer Akt. Unsere Volksgruppe bekennt sich fortlaufend dazu, auf Sudetendeutschen Tagen, in Medien und grundsätzlich, auch zur fünften Bitte des Vaterunsers als grundlegende Lehre des Christentums. Allerdings ist Versöhnung, Verzeihung, Vergebung nur dann angebracht, wenn der andere sein\Fehlverhalten ausdrücklich eingesteht und dafür um Verzeihung bittet. Andernfalls wäre eine einseitige Versöhnungsbekundung ein Ausdruck von Selbstgerechtigkeit, ein selbstzufriedenes Herab­blicken auf andere, wie es im Neuen Testament den Pharisäern zugeschrieben wird. Sudetendeutsche haben bisher und werden auch in Zukunft alles, was in ihrer Macht steht, dazu beitragen, dass das Klima von Vertreibung, Mord und Raub überwunden wird, ohne dabei ihre Würde und die ihrer Toten feilzubieten. Auf ein erstes positives Signal aus dem offiziellen Prag indes warten sie bis heute vergebens.

 

(Anmerkung: Der Verfasser ist Überlebender des Postelberg-Massakers und bekennt sich ausdrücklich zur Verständigung auf der Basis von Wahrheit und Gerechtigkeit.)

 

9:23 am pdt          Comments

Wednesday, July 29, 2009

Vor München war Paris

Das Münchner Abkommen wird in Europa im Allgemeinen als die (Un)Tat Hitlers angesehen, der Chamberlain, Daladier und Mussolini zur Unterschrift  erpresste, und damit die erste Tschechoslowakei zerstörte. Der Amerikaner Patrick J. Buchanan betrachtet die Angelegenheit in einem ganz anderen Licht. In seinem 2008 erschienenen Buch "Churchill, Hitler and the Unnecessary War" (Crown Publishers, ISBN 978-0-307-40515-9, 518 S.) widmet er "Munich" ein Kapitel, das im folgenden in meiner Übersetzung wiedergegeben ist.

Mr. Buchanan war Senior Berater von drei US Präsidenten, Kandidat für das Amt udetenpostdes Präsidenetn zweimal der Republikanischen Partei(1992 und 1996) und einmal der Reformpartei (2000). Er ist der Autor von neun anderen Büchern und arbeitet zur Zeit als Senior Politischer Analyst für MSNBC.

 

Rudolf Pueschel

 

 

Warum München?

 

Warum reiste Chamberlain nach München? Was konnte er von einem politischen Handel mit Hitler erwarten, der für die Tschechoslowakei den Verlust des Sudetenlandes und ihrer Grenzfestigungen bedeutete und Prag an Berlin auslieferte?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden müssen wir ins Jahr 1919 zurück blicken. In Paris wurden 3.25 Millionen deutsche Bewohner Böhmens und Mährens in schamloser Verletzung ihres Selbstbestimmungsrechts in die neue Tschechoslowakei Tomáš Masaryks und Edvard Benešs eingeliedert. Auf eine Frage, warum er drei Millionen Deutsche tschechischer Knechtschaft ausgeliefert hatte, platzte Wilson heraus "Wirklich? Davon hat Masaryk mir nie etwas gesagt!"

H. N. Brailsford, Englands führender sozialistischer aussenpolitischer Denker, schrieb 1920 über den Pariser Frieden: "Das schlimmste Vergehen war die Versklavung von mehr als drei Millionen Deutscher durch tschechische Herrschaft." Der österreichische Historiker Erik von Kuehnelt-Leddihn beschreibt den mehrsprachigen Staat, den die Männer von Paris geschaffen hatten, wie folgt:

Die Tschechen machten 47 Prozent der Bevölkerung der Tschechoslowakei aus. Sie machten sich zur 'Mehrheit', indem sie die Slowaken gegen ihren Willen in den mit Bindestrich geschriebenen Staat, der niemals zuvor geschichtlich existierte, einverleibten.   Tatsächlich lebten mehr Deutsche (24.5 Prozent) als Slowaken in der Tschechoslowakei. Aber durch schlitzäugige Manipulation der Wahlbezirke schufen sich die Tschechen eine parlamentarische Mehrheit für ihre Unterdrückungspolitik, die die deutsche Minderheit (etwas ungenau als Sudetendeutsche bezeichnet) zu aufrührerischem und illoyalem Nationalismus und letztlich zum Nationalsozialismus trieb.

Masaryk und Beneš, die die Zerstörung Österreich-Ungarns auf der Basis des Prinzips der Selbstbestimmung für Tschechen forderten, verwalteten einen Staat, der lebender Widerspruch zu diesem Prinzip war. Denn die Tschechen herrschten nun über Deutsche, Ungarn, Slowaken, Polen und Ruthenen, die die Hälfte der Bevölkerung ausmachten, aber nie gefragt worden waren, ob sie Prag unterworfen werden wollten. Die Tschechoslowakei war ein mehrrassiges, mehrsprachiges, multikulturelles, katholisch-protetantisches Konglomerat das niemals zuvor existierte.

In weniger als einem Jahr nach der Unterzeichnung der Verträge, die die Tschechoslowakei geschaffen hatten, reichten deutsche und ungarische Beamte ärgerliche Beschwerden beim Völkerbund ein:

Mehr als 5 Millionen Deutsche, Ungarn und andere Volksgruppen sind in der Nationalversammlung nicht vertreten, und die Tschechen haben alle ihre Forderungen nach Repräsentation abgelehnt. Alle die Verfassung, die offizielle Landessprache, Sozialreformen, Landenteignung usw. betreffenden Gesetze sind von dieser willkürlich geformten Nationalversammlung erlassen worden, ohne dass ein Deutscher oder Ungar jemals seine Stimme abgeben durfte.

Zwischen 1920 und 1938 sind von den unterdrückten Minoritäten der Tschechoslowakei wiederholt Eingaben an den Völkerbund gemacht worden. 1938 forderten die Sudetendeutschen Unabhängigkeit von tschechischer Unterdrückung und Eingliederug ins neue Deutsche Reich. In einer gerechten Volksabstimmunmg hätten bis zu 80 Prozent für eine Abtrennung von der Tschechoslowakei gestimmt. Zu Beginn der 1938er Krise machte Lloyd George die Doppelzüngigkeit Benešs, der sein in Paris gegebenen Versprechen nicht gehalten hatte, für die anstehende Katastrophe verantwortlich: "Die derzeitigen Schwierigkeiten wären vermieden worden, hätten die tschechischen Führer ihr Versprechen, den verschiedenen Rassen lokale Autonomie in Anlehnung an den Schweier Bund zu geben, zur rechten Zeit und nicht erst unter Drohung Deutschlands erfüllt."

1938 waren europäische Staatsmänner zu dem Schluss gekommen, dass die Abtrennung 1919 der ethnischen Deutschen von Wien ein schwerer Fehler war, der korrigiert werden müsse. Weder Chamberlain noch seine Regierung waren bereit, einen Krieg zu beginnen, um den Sudetendeutschen das Recht auf Selbstbestimmung weiter zu verweigern und sie unter tschechischer Herrschaft zu belassen. Aber es gab Schwierigkeiten, von denen die erste Frankreich war.

1919 empfahl Marschall Foch in Paris Annexion des Rheinlands, das Clemenceau zu einem Bufferstat machen wollte. Wilson und Lloyd George lehnten dies Vorhaben ab und schlugen stattdessen ein US-Britisch-Französisches Bündnis vor. Sollte Deutschland jemals wieder Frankreich angreifen, würden Amerika und Grossbritannien ihm zu Hilfe kommen. Der US Senat jedoch weigerte sich, Wilsons Sicherheitspakt zu debattieren. Daraufhin machten die Briten von ihrem Recht Gebrauch, von ihren Verpflichtungen ebenfalls abzusehen.  Frankreich verblieb damit ohne Sicherheitspakt und ohne Bufferstaat.

Frankreich versuchte den Verlust eines Sicherheitspaktes mit Amerika und Grossbritannien, und den Verlust seines früheren Bündnispartners Russland durch den Bolschwismus, durch Bildung einer Kleinen Entente mit Rumänien, Jugoslawien und der Tschechoslowakei auszugleichen. Damit war Frankreich 1938 der Tschechoslowakei zum Beistand verpflichtet. Sollte aber ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbrechen, würde Grossbritannien unweigerlich mit hinein gezogen werden.

Deshalb betrachtete Chamberlain es als notwendig, Grossbritannien im Hinblick auf die begründeten sudetendeutschen Klagen diplomatisch tätig werden zu lassen. Der Premierminister betrachtete die Aussicht auf einen neuen Grossen Krieg mit Schrecken. Der Krieg 1914-1918 hatte 700 000 britischen Soldaten das Leben gekostet, unter ihnen sein geliebter Cousin Norman.

Warum hat Grossbritannien Paris sich nicht selbst überlassen? Warum ignorierte es die Krise nicht einfach und überliess es Frankreich, seinen tschechischen Bündnispartner zur Abtretung des Sudetenlandes zu bewegen? Edens Biograph David Carlton erklärt: Chamberlain und sein Kabinett

waren von einem ernsthaften Risiko überzeugt, Frankreich würde, ähnlich wie 1914, einen Krieg wegen eines osteuropäischen Streites anfangen und damit einen europäischen Konflikt auslösen, aus dem Grossbritannien sich nicht herasuzuhalten vermochte.  Deshalb übernahm Chamberlain langsam und zögernd die Kontrolle ueber die Krise. ... Im September dann übernahm er die Verantwortung für Verhandlungen mit Hitler, womit er die Tschechen zur Aufgabe zwang.

So kam es, dass Chamberlain im September 1938 dreimal nach Deutschland reiste: das erste Mal nacch Berchtedgaden, dann nach Bad Godesberg und letztlich nach München. Aber wer oder was verursachte die Krise im September 1938?

 

BENEŠ DEMÜTIGT HITLER

 

Was veranlasste Hitler so plötzlich und so kurz nach seinem Triumph in Österreich zornig gegen Tschechen und Präsident Edvard Beneš zu polemisieren und einen Krieg mit England und Frankreich zu riskieren?

Der entscheidende Grund dafür ereignete sich zwei Monate nach dem Anschluss, als ihn Hitler noch feierte. Gerüchte von einer unmittelbaren deutschen Invasion der Tschechoslowakei begannen zu kreisen. Die Gerüchte entbehrten jeder Grundlage und es gibt Grund zu der Annahme, dass sie von Tschechen in die Welt gesetzt wurden mit Wissen von Beneš, der mobil machen wollte. Als die Gerüchte sich über Europa verbreiteten warnte London Berlin, dass es bei einer Invasion nicht nur zuschauen werde. Paris und Moskau erneurten ihre Verpflichtungen gegenüber Prag. Hitler sah sich plötzlich mit einer Krise konfrontiert, die er gar nicht gewollt hatte.

Angesichts des gegen ihn vereinten Europa sah Hitler sich gezwungen, einer Invasion der Tschechoslovakei offiziell abzuschwören. Deutsche Offiziere begleiteten britische Militärberater entlang der tschechischen Grenze, um zu beweisen, dass es keine Kriegsvorbereitungen gab. Als ein Angriff ausblieb, brüsteten sich die Tschechen damit, der Welt gezeigt zu haben, wie man den "wilden Mann" in die Knie zwingt. "Hitler hegte keine Zweifel daran, dass Beneš die Krise heraufbeschworen hatte, um Deutschland zu demütigen", schrieb Tansill. "Irrtümlicherweise von der tschechischen Regierung angeklagt zu werden war für Hitler die grösste Beleidigung."

Hitler war überzeugt, Prestige verloren zu haben, und nichts konnte ihn in eine schlechtere Stimmung versetzen, berichtete Jodl.  Seinen Stolz schluckend befahl er dem Aussenministerium in Berlin am Montag, den 23. Mai, zu verkünden, dass Deutschland keine aggressiven Absichten gegenüber der Tschechoslowakei hegte und dass Berichte über Truppenaufmärsche entlang der Grenze jeder Grundlage entbehren...

Hitler, so glaubte man im Westen, wurde durch die Entschlossenheit der europäischen Grossmächte mit Hilfe einer kleinen Nation eine Lektion erteilt.

Der Führer war von nun an von einer brennenden Leidenschaft besessen, Rache an der Tschechoslowakei und im besonderen an Beneš zu üben, der, wie er glaubte, ihn absichtlich gedemütigt hatte.  Er versammelte seine Generale um sich und wetterte "es ist mein unerschütterlicher Wille, die Tschechoslowakei von der Landkarte zu streichen." Hitler befahl Plan Grün zu entwickeln, mit dem die Tschechoslowakei überfallen werden sollte und formulierte: "es ist meine unabänderliche Entscheidung, die Tschechoslowakei in der nahen Zukunft militärisch auszulöschen." Was meinte Hitler mit "in der nahen Zukunft"? Keitel erklärt in einem Begleitschreiben: "Grün muss bis spätestens 1. Oktober 1938 ausgeführt worden sein."  Henderson glaubte, dass die tschechischen Provokationen und propagandistische Ausnutzung der Maikrise. verbunden mit dem  Spott, der auf Hitler nieder prasselte weil er den Tschechen nachgab, direkt zu München führte:

Die kecke Geste der Tschechen durch die Mobilisierung von 170 000 Militär und die darauf folgende Proklamation an die Welt, ihre Tat hätte Hitlers Absichten geändert war ... zu bedauern. Aber was Hitler am wenigsten ertragen konnte war der entsprechende Jubel der Presse ... Jede Zeitung in Amerika und Europa stimmte in diesen Jubel ein. Hitler wurde "NEIN" geboten und er musste nachgeben. Die Demokratien haben die Diktaturen in die Knie gezwungen, usw.

Es war vor allem dieser Jubel der Hitlers übelste Laune des Jahres verursachte und ihn definitiv über die Grenze zwischen Verhandeln und Gewaltanwendung bugsierte. Sein Zustand schwankte zwischen übler Laune und Zorn vom 23. bis 28. Mai, als er die Mobilisation der Wehrmacht befahl."

Viele Verfechter der Beschwichtigungspolitik betrachteten die von Beneš provozierte Maikrise als "einen schlimmen Fehler, während Chamberlain zur selben Zeit entschlossen war, das Risiko eines Krieges zu vermeiden", schreibt Hitlers Biograph Alan Bullock.

Eine Woche lang blieb Hitler wuterfüllt auf dem Berghof; das Jubilieren der Auslandspresse über die Art und Weise, in der er in die Schranken gewiesen wurde, halfen wenig. Am 28. Mai kehrte er plötzlich nach Berlin zurück und beraumte eine weitere Konferenz in der Reichskanzlei an.  Auf dem Tisch im Wintergarten war eine Landkarte ausgebreitet auf der Hitler, ärgerlich gestikulierend, andeutete, wie er den Staat, der ihn zu beleidigen wagte, auszulöschen gedachte.

So albern wie wie die von Prag geschaffene vorgetäuschte Krise auch war, sie muss im gleichen Licht gesehen werden wie Schuschniggs unbedachtes Plebiszit. Sie waren beide verzweifelte Schreie von in die Enge getriebener Tiere, die das Raubtier nahe wähnten. Jedoch, indem sie die falsche Krise im Mai 1938 als Kraftprobe darstellten, die Hitler verloren hatte, haben die Tschechoslowakei und Beneš Ereignisse in Bewegung gesetzt, die zu München, dem Ende der Tschechoslowakei und Herrn Benešs Flucht um sein Leben führten.

 

 

Warum Hitler nicht einfach "Nein" sagen!/

 

Warum wies Chamberlain Hitlers Forderungen nicht einfach zurück? Warum wählte Grossbritannien nicht Kampf, anstatt die Tschechen im Stich zu lassen?

Erstens war Chamberlain, wie er seiner Schwester schrieb "es egal ob die Sudetendeutschen im Reich lebten oder nicht".  "Er glaubte nicht, dass wegen drei Millionen unglücklicher Deutscher ein Krieg geführt werden sollte. In dem Masse, in dem die Briten die deutschen Forderungen als gerecht ansahen, betrachteten sie die Tschechen als halsstarrig.  Nevile Henderson, der britische Gesandte in Berlin, betrachtete es im Intersee des Friedens angebracht, "den Tschechen gegenüber nicht nachzugeben, weil sie eine starrköpfige Rasse sind und Präsident Beneš nicht der kleinste Dickkopf unter ihnen ist.". Viele Engländer glaubten, dass das Recht auf deutscher Seite sei. Die Sudetendeutschen, eine priviligierte Minderheit in Österreich Ungarn, hassten das Prager Regime und kannten keine Loyalität für eine Nation, in der sie Staatsbürger zweiter Klasse waren. Aufgrund von Wilsons Selbstbestimmungsprinzip hätten sie unter der Herrschaft Wiens bleiben müssen. Wäre ihnen, wie den Menschen in Schleswig und an der Saar, ein Plebiszit zugestanden worden, hätten sie sich für Österreich oder den Anschluss an Deutschland entschieden. Das aber war für die Alliierten in Paris, insbesondere die Franzosen, die auf dem Prinzip von Realpolitik operierten, unannehmbar. Sich um die Wilsonian Prinzipien einen Dreck scherend war Frankreich entschlossen, Deutsche von Deutschen zu trennen. Und vom Standpunkt von Frankreichs Sicherheit aus betrachtet waren die Allierten im Recht. Graham Stewart beschreibt ihr Dilemma:

Selbstbestimmung war das grosse Geschrei liberaler Diplomaten seit einem Jahrhundert, aber strategische Notwendigkeiten verhinderten es, die Sudetenfrage in diesen einzigartig unkomplizierten Begriff einzubeziehen. Wenn das zum grösstenteil bergige Sudetenland ins Deutsche Reich eingegliedert würde, bliebe die Rest-Tschechoslowakei militärisch praktisch verteidigungslos.

Strikte Anwendung des Selbstbestimmungsprinzips hätte bedeutet, dass alle Deutschen in Eupen, Malmedie, Elsass, Lothringen, Südtirol, Österreich, Sudetenland, Danzig, im Korridor und Memelland dem Reich eingegliedert werden müssten. Aber das hätte ein Deutschland geschaffen, das bevölkerungsträchtiger und mächtiger wäre als das des Kaisers.

In Paris kollidierten die alliierten Prinzipien mit Sicherheitsinteressen, die zu schützen sie gekommen waren. Sie lösten ihr Problem mit beachtlichem Zynismus und Dopplezüngigkeit, indem sie Selbstbestimmung jenen Völkern gewährten, die sich von deutscher Herrschaft los sagten, während sie es den Deutschen verweigerten. Wilsonian Selbstbestimmung wurde auf dem Altar von Realpolitik und französischen Sicherheitsinteressen geopfert. Das Problem war, dass Adolf Hitler jetzt Wilsons Lied sang; er verlangte das Recht auf Selkbstbestimmung für die Deutschen im Sudetenland, so wie es in Paris den Polen und Tschechen gewährt wurde. Im Jahre 1944 erkannte Walter Lippmann die Verrücktheit von Versailles, wo das Prinzip der Selbstbestimmung zur unfehlbaren Doktrin erhoben worden war:

Das allgemeine Prinzip der Selbstbestimmung auszurufen und zum obersten Gesetz internationalen Lebens zu machen bedeutete nichts anderes als reine Anarchie zu provozieren... Keiner wusste das besser als Adolf Hitler selber: Das Prinzip der Selbstbestimmung war sein Hauptinstrument zur Expansion des Reiches durch Annexion und Zerstörung der Gesellschaftssysteme jener Staaten, die er anzugreifen beabsichtigte. Hitler  berief sich auf dieses Prinzip als er Österreich annektierte und die Tschechoslowakei zerstückelte.

Was ebenfalls die Aussicht auf Krieg wegen der Tschechoslowakei für Chamberlain so widerlich machte war seine Überzeugung, dass die Tschechen als Volk nicht zur europäischen Oberschicht gehörten, wie er erinnerungswert seiner Nation kurz vor München, als ein Krieg unvermeidbar schien, erklärte:

Wie scheusslich, phantastisch, unglaubhaft muss es erscheinen, dass wir Schützengräben ausheben und Gasmasken aufsetzen sollen wegen eines Streites in einem fernen Land zwischen Völkern, von denen wir nichts wissen. ...

Wie gross unser Verständnis für eine kleine Nation, die von einem grossen und mächtigen Nachbarn konfrontiert wird, auch sein mag, wir können nicht unter allen Umständen das britische Empire in einen Krieg ihretwegen verwickeln. Um zu kämpfen muss es sich um grössere Belange als dieses handeln.

1914 war Grossbritannien für Frankreich in den Krieg gezogen, und die Engländer folgten Asquith, Churchill als Belgien angegriffen wurde. Aber Frankreich und Belgien lagen gleich hinter dem Kanal, während die Tschechen in Mitteleuropa ihr Dasein fristeten. Warum sollten britische Soldaten ihr Leben lassen müssen, nur damit die Tschechen drei Millionen unglückliche Deutsche, die zuvor für Jahrhunderte unter Habsburg und Hohenzollern lebten, weiterhin unter ihren Fittichen behalten können? Somit setzten britische Prinzipien (Recht auf Selbstbestimmung) und britische Politik (einen dauerhaften Frieden durch Berichtigung des Unrechts von Versailles zu schaffen) Beneš unter Druck, das Sudetenland an Deutschland abzutreten, wo die Sudetenländer sowieso leben wollten.

So kam es, dass München, wie der Historiker Taylor in 1961 schrieb, "ein Triumph für das Beste und Erleuchtetste im Leben der Briten; ein Triumph für Gerechtigkeit unter den Völkern; ein Triumph jener, die mutig die Grausamkeit und Kurzsichtigkeit von Versailles verurteilten" war.

Letztlich mangelte es Grossbritannien an militärischer Stärke und strategischer Reichweite, um die Tschechoslowakei zu retten, worüber Chamberlein sich im Klaren war.  An seine Schwester schrieb er,

Die österreichische Grenze liegt offen; die grossen Skoda Waffenfabriken liegen im Bereich deutscher Bomber; alle Eisenbahnlinien gehen durch deutsches Terrirorium; Russland ist hunderte Meilen entfernt. Deswegen konnten wir der Tschechoslowakei nicht helfen - es wäre nur ein Vorwand für einen Krieg gewsen. Daran konnten wir ohne eine vernünftige Aussicht, [Deutschland] in absehbarer Zeit in die Knie zu zweinegn, nicht denken; dafür aber gab es keine keine Anzeichen.

Im September 1938 war Grossbritannien auf einen Krieg ganz und gar nicht vorbereitet. England hatte zwei Kampfdivisionen für einen Krieg im  eigenen Lande, keine für Kämpfe in Frankreich, keine Wehrpflicht, keine Spitfires und keinen Verbündeten mit Ausnahme eines unentschlossenen Frankreichs. Nur fünf von 25 Kampfflieger Staffeln waren mit den neuen Hurricanes ausgerüstet. Die RAF "kann zur Zeit  nicht als in der Lage angesehen werden, Operationen grösseren Stils durchzuführen" verkündete das Luftministerium.

General Ironside, Generalinspekteur der Übersee Armee, gab bekannt, dass "Chamberlain natürlich recht hat. Wir haben nicht die Mittel, uns zu verteidigen. Wir können uns jetzt nicht einem deutschen Angriff aussetzen. Es wäre Selbstmord, wenn wir es täten."

"Unter den gegenwärtigen Umständen," warnte Lord Gort, der neue Chef des britischen Genaralstabs, "wäre es Mord, wenn wir unsere Streitkräfte dem Kampf gegen eine erstklassige Militärmacht aussetzen würden."

Sogar John Lukasz, der Churchill als den Retter der westlichen Zivilisation betrachtet, wirft ihm Irrtum vor, als er glaubte, Grossbritannien und Frankreich sollten die Tschechen im Herbst 1938 gerettet haben:

Churchill irrte sich. Es wäre katastrophal für die westlichen Demokratien gewesen, hätten sie im Oktober 1938 einen Krieg begonnen.  Moralisch mag er recht gehabt haben, aber praktisch gesehen irrte er sich... Er irrte sich ebenfalls in der Überzeugung, Russland wäre an Seite der Tschechen in den Krieg gezogen.. Er schrieb dies noch 1948 im 1. Volumen seines "Der Zweite Weltkrieg". Stalin war noch weniger als die Franzosen geneigt, seinen Militärpakt mit den Tschechen zu honorieren."

Churchill irrte sich ebenfalls in seinen wilden Übertreibungen hinsichtlich Kampfgeist und Tapferkeit der tschechischen Armee. Am 15. September, zwei Wochen vor München, schrieb er:

Im Innern der Tschechoslowakischen Republik herrscht absolute Entschlossenheit, für Leben und Freiheit zu kämpfen. Alle ihre Grenzen, sogar die zu Österreich, sind befestigt und von einer starken und ergebenen Armee bewacht.... Die tschechoslowakische Armee ist eine der best ausgerüsteten in der Welt. Sie besitzt bewundernswerte Panzer, Panzerabwehr-  und Flugabwehrgeschütze. Dieses entschlossene Volk hat sich seit langem auf diesen Test vorbereitet.

Dies war eine absichtliche Übertreibung. Nach München, wo England und Frankreich den Tschechen empfohlen hatten, das Sudetenland abzutreten, brach die tschechoslowakische Armmee zusammen, ohne einen Schuss abgegeben zu haben. Herr Beneš floh Hals über Kopf ins Ausland. ■

11:47 am pdt          Comments

Tuesday, July 14, 2009

Erstaunlich

Quasi als krönenden Abschluss des tschechischen EU-Vorsitzes inszenierte Prag jüngst eine Konferenz zur Rückgabe von während der NS-Zeit konfisziertem jüdischem Eigentum. In einem Leitartikel "Frechheit siegt!?" in der Sudetenpost vom 9. Juli 2009 nennt Manfred Maurer dieses Ereignis ein "Paradebeispiel schwejkistischer Dreistigkeit", angesichts des Ausmasses tschechoslowakischen Raubes sudetendeutschen Eigentums während der Vertreibung, gesetzlich geschützt nicht von einem diktatorischen Regime, sondern von vermeintlichen Demokraten.

Über das Ausmass der von den vertriebenen Sudetendeutschen zurück gelassenen Werte hat die Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung Sudetendeutscher Interessen Berechnungen angestellt. Danach betrug das sudetendeutsche Volksvermögen am 8. Mai 1945 knapp 49 Milliarden Reichsmark (19.5 Milliarden Dollar; Wert der Reichsmark vom Jahre 1938).

Bei dieser Aufstellung konnte nicht berücksichtigt werden: ein Grossteil des deutschen Anteils am Vermögen des tschechoslowakischen Fiskus, der Länder und anderer Selbstverwaltungskörper; ein Grossteil der Bodenschätze, die nur teilweise erfassbar waren; die Kunstsammlungen, Bibliotheken und sonstiges Kulturgut; das umlaufende Papiergeld; der Metallwert des Bargelds und die Deckung des Papiergelds; der Wertpapierbesitz; die Arbeitsleistung der nach 1945 zwangsweise in Internierungslagern, Kohlegruben usw. eingesetzten und ausgebeuteten Deutschen.

Erstaunlich ist, dass im 9. Jahr des 21. Jahrhunderts und 64 Jahre nach Durchführung dieses Raubzugs 60% der Tschechen und 100% ihrer Regierung ihn noch immer, sanktioniert von der Europäischen Union, als richtig und gut befinden. Währt ehrlich wirklich am längsten? Oder müssen existierende Werte neu verteilt werden?

2:04 pm pdt          Comments

Monday, July 13, 2009

Das tschechisch-deutsche Drama 1918-1939

Gerd Schultze-Rhonhof

Die erste Tschechoslowakei von 1918 bis 1939 hat keine Vorgeschichte und hat doch eine Vorgeschichte: – keine insofern, als es vor 1918 niemals in der Geschichte einen Vorläuferstaat gegeben hat, und die Tschechoslowakei hat doch eine Vorgeschichte, insofern, als sie aus einer tschechischen Nationalbewegung hervorgegangen ist.

Um das Jahr 1800 ist Tschechisch weitgehend vom Deutschen verdrängt. Nur die Landbevölkerung und die einfachen Schichten in den Städten benutzen Tschechisch noch als Umgangssprache. Doch mit der Entdeckung des Werts der nationalen Kulturen – vor allem durch den deutschen Schriftsteller und Denker Herder – erneuert sich bei den Völkern Osteuropas das Bewußtsein für die eigene nationale Identität und damit für den Wert der eigenen Sprache. Etwa 1880 ist Tschechisch bei den Tschechen dann wieder gang und gäbe. Während die Tschechen im 19. Jahrhundert noch im Großreich von Habsburg fest verankert sind, kämpfen sie doch schon hartnäckig um die Anerkennung ihrer Sprache und um ihre Vorherrschaft in Böhmen.

1867 bekommt die westliche Reichshälfte Habsburgs eine eigene Verfassung. In deren Artikel XIX heißt es: »Alle Volksstämme des Staates sind gleichberechtigt, und jeder Volksstamm hat ein unverletzliches Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache. Die Gleichberechtigung aller landesüblichen Sprachen in Schule, Amt und öffentlichem Leben wird vom Staate anerkannt.« (weiter sinngemäß:) Ein Zwang zum Erlernen einer zweiten Landessprache in den Schulen wird nicht ausgeübt. Das ist 1867.

In diesem Artikel stecken zwei wesentliche Aussagen: 1. Alle Sprachen sind gleichberechtigt, und 2. Es gibt keinen Zwang zum Erlernen einer zweiten Landessprache. Das klingt liberal und sehr minderheitenfreundlich. Die Tücke steckt im Begriff der landesüblichen Sprache. Ist das in Böhmen Tschechisch oder Deutsch? Daran entzündet sich ein erbitterter Nationalitätenstreit, der bis 1915 zu immer neuen und sich widersprechenden Gesetzen und Verfassungen in Böhmen führt, der auch bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs nicht entschieden ist. Festzuhalten bleibt, daß in Alt-Österreich kein deutscher Sprachenzwang herrscht, auch wenn es ein Übergewicht der deutschen Sprache gibt. So erscheint das alt-österreichische Reichsgesetzblatt zum Beispiel in zehn landesüblichen Sprachen.

Was die Sprachenfreiheit betrifft, gibt es nur eine Ausnahme, die beim Militär. Im Heer ist Deutsch für alle Offiziere Pflicht. In den landsmannschaftlich sortierten Regimentern gibt es zusätzlich die Regimentssprache: Polnisch, Kroatisch usw. und in der (Mittelmeer-) Marine spricht man Italienisch. Soweit zu den Sprachen in Alt-Österreich.

Bis in den Ersten Weltkrieg hinein sind auch die Tschechen treue Untertanen des Hauses Habsburg. Mit der Niederlage Österreichs am Ende dieses Krieges ergibt sich für die Tschechen die Gelegenheit, den Kampf um ihre Vorherrschaft in Böhmen auf einer anderen Bühne fortzusetzen.

Zwei Professoren namens Masaryk – später 1. Präsident der neuen Tschechoslowakei – und Beneš – später 1. Außenminister der Tschechoslowakei – organisieren vom Ausland her eine politische Bewegung für die Selbständigkeit der Tschechei. Beiden gelingen zwei ganz wesentliche Schachzüge:

Der erste Schachzug: Sie gewinnen Kontakte zu Wilson und zu Clemenceau und damit zu den Siegermächten. Der zweite Schachzug: Es gelingt ihnen, Exilslowaken und Exilruthenen in Amerika und Rußland davon zu überzeugen, mit den Tschechen gemeinsam einen neuen Staat zu bilden: die Tschechoslowakei.

Zum ersten Schachzug: Zu den Kontakten zu Wilson und zu Clemenceau und letzten Endes zu den Verhandlungsdelegationen der Amerikaner und Franzosen in Saint Germain. Masaryk besorgt den Überbau, und Beneš macht die Feinarbeit. Masaryk sorgt dafür, daß die Tschechen in Saint Germain als Siegermacht anerkannt werden, obwohl sie staatsrechtlich immer noch Untertanen des Hauses Habsburg sind. Damit sitzen die Tschechen schon vor Kriegsende mit auf der Siegerbank. Beneš versorgt die Verhandlungsdelegationen der Amerikaner, Franzosen, Briten und Italiener mit Denkschriften, in denen er die Konturen einer neu zu schaffenden Tschechoslowakei nach seinen Wünschen zeichnet.

Drei Punkte aus seinen elf Denkschriften will ich hier erwähnen: 1. Beneš stellt den zusammenhängenden Siedlungsraum der Sudetendeutschen als vier getrennte Gebiete dar, zwischen denen angeblich tschechisch besiedelte Gebiete liegen. Er behauptet damit, den Sudetendeutschen fehle damit die Voraussetzung für eine Eigenstaatlichkeit und ihre neue Selbstverwaltung. 2. Beneš erklärt den Siegermächten, die Slowaken seien Tschechen und Slowakisch sei ein tschechischer Dialekt. Er kürt damit die Fiktion von einer »tschechoslowakischen« Nation. Und 3. Beneš verspricht den Siegern, die neue Tschechoslowakei zu einem Vielvölkerstaat nach Art der Schweiz zu machen. Damit enthebt er die Sieger der Sorge, daß die Vielvölkermischung unverträglich werden könnte. Soweit zu Masaryka und Benešs Arbeit bei den Friedensverhandlungen in Paris bzw. in Saint Germain.

Zum zweiten Schachzug Masaryks und Benešs, der Einigung mit den Exilslowaken und Exilruthenen: Bereits 1915 gab es dazu in Moskau und in Washington Kontakte und Absprachen. Am 30. Mai 1918 schließen Exiltschechen und Exilslowaken in Pittsburgh, USA, ein Abkommen zur Gründung der Tschechoslowakei. Darin heißt es unter anderem: »Die Slowakei wird ihre eigene Verwaltung, ihr Parlament und ihre Gerichte haben. Die slowakische Sprache wird zur Amtssprache in Schulen, Behörden und im öffentlichen Leben überhaupt.« So etwas nennt man Autonomie. Am 3. Oktober folgt ein ähnlicher Vertrag mit den Exilruthenen. Diese Verträge sind die innerstaatliche Legitimation für die Gründung der neuen Tschechoslowakei, bestehend aus der Tschechei, der Slowakei und der Karpato-Ukraine. Der Haken an der Legitimation ist, daß die Slowaken und die Ruthenen in der Heimat nie nach ihren Wünschen zur eigenen Zukunft befragt worden sind.

Während die Tschechen schon seit Januar 1919 in Paris als anerkannte Siegermacht sitzen und ihren Zutritt nutzen, um den Delegationen der Amerikaner und Franzosen ihre Vorstellungen von einer Tschechoslowakei zu unterbreiten, reist eine slowakische Delegation erst im Oktober 1919 aus der Slowakei nach Paris, um dort ihrerseits die slowakischen Vorstellungen von der neuen Tschechoslowakei vorzutragen. Diese Heimatslowaken wollen einen tschechoslowakischen Bundesstaat mit einer autonomen Slowakei, so wie dies im Vertrag von Pittsburgh vereinbart worden war.

Der tschechischen Delegation gelingt es, die Franzosen zu bewegen, die Slowaken sofort aus Frankreich auszuweisen und in die Slowakei zurückzuschicken. Dort – auf dem Flugplatz von Preßburg – also auf slowakischem Territorium, steht tschechische Polizei, verhaftet die slowakische Verhandlungsdelegation, entführt sie in die Tschechei und sperrt sie für ein paar Monate hinter Schloß und Riegel. Damit setzen die Tschechen ihren Alleinvertretungsanspruch in Paris durch. So entsteht die erste Tschechoslowakei beim Vertrag von Saint Germain.

In der Heimat rührt sich derweil der Widerstand der vereinnahmten Nationen: Die sudetendeutschen Kreise in Böhmen beschließen, sich mit Deutsch-Österreich dem Deutschen Reich anzuschließen. Sie werden aber im November und Dezember von tschechischem Militär mit Gewalt erobert. Dabei gibt es 54 deutsche Tote. In der Slowakei wehren sich die dort lebenden 750.000 Ungarn gegen ihre Einverleibung in die Tschechoslowakei. Ab November 1918 erobern tschechische Truppen auch die bis dahin ungarische Slowakei. Sie übernehmen dabei die staatliche und die kommunale Gewalt in einem Landesteil, in dem nach dem Pittsburgh-Vertrag nun eigentlich die Slowaken herrschen sollten. Der ganze Wandel spielt sich in den Wochen ab, in denen die Waffenstillstandsverhandlungen, die Kaiserabdankungen und die Revolutionen in Deutschland und in Österreich-Ungarn stattfinden, in denen weder Deutschland noch Österreich ihren Einfluß zu Gunsten der Sudetendeutschen, der Slowaken und der Ungarn geltend machen können.

So entsteht die Tschechoslowakei im Zusammenbruch Österreich-Ungarns, durch geschickte und zum Teil skrupellose diplomatische Züge und Winkelzüge der Tschechen in Paris und durch die gewaltsame und bislang von den Siegermächten nicht legitimierte Inbesitznahme der sudetendeutsch, slowakisch und ungarisch besiedelten Gebiete.

Bemerkenswert ist, daß der Vertrag von Saint Germain die Gewichte umkehrt. Österreich wird nun zum armen Vetter der Tschechoslowakei. Die Tschechoslowakei geht mit 140.000 km² und Österreich mit nur 84.000 km² aus der Teilung hervor. Die Tschechoslowakei hat nun 13,6 Millionen Staatsbürger und Österreich mit 6,7 Millionen knapp die Hälfte davon. Die Tschechoslowakei erbt 80% der Steinkohlevorkommen und 70% der Industrieanlagen Österreich-Ungarns. Die kleine neue Republik Österreich hängt fortan am wirtschaftlichen Tropf der Tschechoslowakei und fällt damit als Schutzmacht der Sudetendeutschen aus.

Was dem neuen Staat nun noch fehlt, sind Verfassung und Gesetze. Im November 1918, noch ehe die Verträge von Saint Germain mit Österreich und Trianon mit Ungarn unterzeichnet sind, gibt eine revolutionäre Nationalversammlung dem Lande eine provisorische Verfassung und die ersten richtungsweisenden Gesetze. Diese Nationalversammlung besteht aus den tschechischen Abgeordneten des ehemaligen Wiener Reichsrats und einigen handverlesenen Slowaken. Die slowakischen Politiker, die in Saint Germain als slowakische Delegation auftreten wollten, sitzen immer noch in tschechischen Gefängnissen.

Die deutschen Abgeordneten der deutschen Kreise in Böhmen sind zwar eingeladen, doch sie kämpfen noch in Wien um den Anschluß der Sudetenlande an Deutsch-Österreich. Außerdem sind sie noch österreichische Staatsangehörige. An der Gründung eines neuen fremden Staates mitzuwirken, wäre zu der Zeit Hochverrat. So entstehen die provisorische Verfassung und die ersten Gesetze allein nach den Vorstellungen der Tschechen. Die revolutionäre Nationalversammlung gibt sich selbst das Recht, Gesetze zu erlassen, sie sanktioniert die zeitgleich laufende illegale Besetzung der Sudetenlande und der Slowakei, sie bestimmt, daß sie selbst ihre Beschlüsse mit einfacher Mehrheit der Anwesenden faßt. Noch einmal: Die provisorische Verfassung legt fest, daß die Beschlüsse des Parlaments in aller Zukunft mit einfacher Mehrheit gefaßt werden. Und die provisorische Verfassung löst die den Slowaken in Pittsburgh zugesagte Autonomie nicht ein.

Es folgt nun fast noch ein Jahr, bis die Friedensverträge von Saint Germain und Trianon die Landerwerbungen der Tschechen legitimieren. In dieser Zeit erläßt die provisorische Regierung weitere Gesetze, die die Durchdringung der sudetendeutschen und ungarischen Siedlungsräume mit tschechischer Bevölkerung vorbereiten, das sind vor allem ein Landenteignungsgesetz und ein Schulgesetz.

Nach den Friedensschlüssen von Saint Germain und Trianon schließen die Siegermächte mit der Tschechoslowakei einen Minderheitenschutzvertrag. Hierin wird den nationalen Minderheiten die Gleichheit der Rechte, des Gebrauchs der Sprache, des Zugangs zu öffentlichen Ämtern und die Gleichheit vor Gericht garantiert. Die Tschechen nehmen diese Minderheitenrechte in ihre Verfassung auf. So entsteht 1920 die endgültige Verfassung der Tschechoslowakei. Damit ist rein formal eine demokratische Tschechoslowakei entstanden. Alle Bürger haben gleiche Rechte, und im Parlament bestimmt die Mehrheit. Beides klingt modern und demokratisch, doch beides wird – so wie es praktiziert wird – 20 Jahre später das Ende der Tschechoslowakei verursachen.

Die Minderheitenrechte sind nach dem Minderheitenschutzvertrag und der endgültigen Verfassung nur den einzelnen Bürgern zugesprochen, nicht aber den Minderheitennationen. Da der neue Staat nicht, wie einst von Beneš versprochen, nach Art der Schweiz in nationale Kantone gegliedert wird, gibt es keine nationalen Körperschaften, auf die sich die Minderheitenrechte beziehen können. So gibt es auch keine Vertretung der Sudetendeutschen, der Slowaken, der Ungarn, Ruthenen oder Polen in der Tschechoslowakei, wenn es darum geht, nationale Belange durchzusetzen.

Das wird sich bald rächen, wenn z. B. Staatsaufträge vor allem an tschechische Firmen gehen, deutschsprachige Schulen geschlossen werden oder wenn die in Pittsburgh versprochene slowakische Autonomie und die selbst noch in der Verfassung vorgesehene ruthenische Autonomie nun nicht mehr zugestanden werden. 1929 landet ein führender slowakischer Politiker, der spätere Staatspräsident der Slowakei Andrej Tuka, noch für acht Jahre im Gefängnis, weil er öffentlich die einst versprochene Autonomie für die Slowakei einfordert. Soweit zu den Minderheitenrechten.

Nun zum Mehrheitsrecht im Parlament: Mit diesem Recht machen die Tschechen sich zur allein bestimmenden Staatsnation. Das rein formale Prinzip der Gleichheit der Stimmen im Parlament führt zur Ausschließung der Minderheitennationen bei der Mitwirkung im Staate, und das sogar für die Slowaken. Die politischen Parteien sind – außer die Kommunisten – nach Sprachnationen organisiert. So haben die Tschechen mit 50% der Bevölkerung jederzeit die Möglichkeit, Gesetze zu eigenem Nutzen gegen ihre nationalen Minderheiten zu erlassen. Alle wichtigen parlamentarischen Entscheidungen fällen allein die Tschechen mit ihrer garantierten Stimmenmehrheit. Die Parteien der Sudetendeutschen, Slowaken, Ungarn und Ruthenen kommen in den 20 Jahren Tschechoslowakei kein einziges Mal im Parlament zum Zuge, selbst dann nicht, als ab 1926 auch Deutsche und Slowaken mit in der Regierung sitzen.

Die sogenannte tschechoslowakische Nation ist im Staate organisiert, während die anderen keine staatsrechtlichen Körperschaften haben. Bei allen parlamentarischen Vorgängen steht das Verhältnis der Nationen deshalb schon von vornherein und unabänderlich fest. So ist es nicht verwunderlich, daß sich die nationalen Minderheiten mit der Zeit aus der Demokratie tschechoslowakischer Art herausbewegen und die Lösung ihrer Probleme in nationalen Bewegungen suchen.

Was sind die Probleme?

Die Staatsaufträge gehen lange Zeit fast ausschließlich an tschechische Unternehmer. Selbst in den sudetendeutschen und ungarischen Siedlungsgebieten beschäftigt der Staat bevorzugt Tschechen und fördert damit dort die Zuwanderung der Tschechen. Damit wachsen dort gleichzeitig die Armut und die Unterwanderung bei den Deutschen und den Ungarn. Der Staat verlangt von den Beamten, daß sie ihre Dienstgeschäfte auf Tschechisch erledigen können, selbst in den rein deutschen Gebieten. Sprachtests führen zu massenweise Entlassungen von deutschen und ungarischen Beamten in den sudetendeutschen und ungarischen Gebieten. Zur Erinnerung: In Alt-Österreich gab es keine Staatssprache und keinen Zwang, eine andere Sprache zu erlernen.

Bei den Wahlen gibt es de facto kein gleiches Stimmrecht, weil die Wahlkreise ungleich zugeschnitten sind. Ein tschechisch bewohnter Wahlkreis umfaßt im Landesdurchschnitt 39.000 Wähler, ein sudetendeutscher im Durchschnitt 47.700 und ein ungarischer Wahlkreis 110.000 Wähler. Damit sind die Ungarn gegenüber den Tschechen z. B. schon fast eins zu drei unterrepräsentiert. Zu den Problemen gehören auch die Entmachtung und der Ersatz der Kommunalen Polizei, die bislang aus der ortsansässigen Bevölkerung stammt, durch tschechische Staatspolizei und tschechische Geheimpolizei. Zu den Problemen gehören ferner die Schließung vieler deutscher Schulen und die Errichtung neuer Schulen für die bei den Deutschen und Ungarn zuwandernden Tschechen und ihre außerordentliche Bevorzugung. Die Unzufriedenheit der Minderheiten gärt um so mehr, je länger die Tschechen ihren Staat regieren.

Zur sudetendeutschen Frage

Die deutsche Volksgruppe artikuliert sich zunächst zersplittert in 12 sehr unterschiedlichen Parteien. Drei von ihnen beteiligen sich ab 1926 zwar an der Regierung, doch sie erreichen keinerlei bemerkenswerte Konzessionen in bezug auf wirtschaftliche Hilfestellungen und auf die Selbstverwaltung im Interesse der Sudetendeutschen. Erst 1933 gründet der Leiter der sudetendeutschen Turnerjugend, ein gewisser Konrad Henlein, eine außerparlamentarische Bewegung zur Zusammenfassung der deutschen Kräfte: die Sudetendeutsche Heimatfront. 1935 wird die Heimatfront auf Verlangen der tschechoslowakischen Regierung vor anstehenden Parlamentswahlen zur Partei erklärt. So heißt die Heimatfront fortan Sudetendeutsche Partei. Der Erfolg der Umbenennung und der Wahl kommt für die Tschechen unerwartet. Henlein und die Sudetendeutsche Partei erringen am 19. Mai 1935 fast zwei Drittel aller deutschen Stimmen. Sie wird damit auf Anhieb stimmenstärkste Partei in der Tschechoslowakei. Durch die ungleich zugeschnittenen Wahlkreise landet die Sudetendeutsche Partei nach den damit gewonnenen Sitzen jedoch nur auf dem zweiten Platz. Fortan sind Henlein und die Sudetendeutsche Partei das inoffizielle Sprachrohr der Sudetendeutschen.

1937 unternehmen sowohl die Sudetendeutsche Partei als auch die Slowakische Volkspartei erfolglose Anläufe, die nationalen Minderheiten als politische Körperschaften anerkennen und mit Minderheitenrechten ausstatten zu lassen. Im Sommer 1937 nimmt Ministerpräsident Hodža erstmals Kontakt zu Henlein auf. Das hatte er bisher stets mit der Begründung abgelehnt, Henlein sei kein Parlamentsabgeordneter. Die Gespräche zwischen Hodža und Henlein ziehen sich erfolglos hin. Henlein reist daraufhin nach England und versucht dort, die Aufmerksamkeit der britischen Öffentlichkeit auf die Zustände in der Tschechoslowakei zu lenken. Wohlgemerkt, Henleins erster Bittgang geht nach England und nicht ins Deutsche Reich zu Hitler.

Im Oktober 1937 eskaliert die Spannung unter den Sudetendeutschen vor einer Gemeindewahl, zu der die Tschechen Wahlkampfveranstaltungen verboten hatten. Es kommt zu tschechisch-deutschen Zwischenfällen. Radikale Kräfte innerhalb der Partei fordern Henlein auf, mit der tschechoslowakischen Regierung zu brechen und offen einen Anschluß der Sudetenlande an das Deutsche Reich zu fordern. Henlein ist zu der Zeit noch kein Nationalsozialist, sondern nur sudetendeutscher Patriot. Henlein ist noch nicht soweit. Er stellt die Drängenden in der Partei mit dem Versprechen ruhig, Staatspräsident Beneš ein Ultimatum mit der Forderung zu stellen, den Sudetendeutschen einen autonomen Status innerhalb der Tschechoslowakei einzuräumen. Beneš gibt Henlein keine Antwort auf das Ultimatum.

Am 20. Februar 1938 hält Hitler eine Rede vor dem Deutschen Reichstag. Er fordert das Selbstbestimmungsrecht für die Auslandsdeutschen, und er betont erstmals öffentlich, daß es zu den Interessen des Deutschen Reichs gehört, auch den Schutz der deutschen Volksgenossen wahrzunehmen, die dazu nicht selbst in der Lage sind. Diese Rede führt zu sehr unterschiedlichen Auslandsreaktionen: in der Tschechoslowakei zu konsequentem Widerspruch, in England aber durchaus zu Verständnis. So schreibt der englische Medienzar Rothermere am 6. Mai 1938 in der Daily Mail:

»Die Deutschen sind ein sehr geduldiges Volk. Ich kann mir auch nicht einen Augenblick lang vorstellen, daß Großbritannien zwanzig Jahre lang ruhig zugesehen hätte, wie drei und eine halbe Million Briten unter der Knute eines durch und durch verabscheuten Volkes lebten, das eine fremde Sprache spricht und eine völlig verschiedene nationale Weltanschauung hat. Soweit ich meine Landsleute kenne, wären sie nach wenigen Jahren gegen eine solche Vergewaltigung eingeschritten.«

Hier will ich nun etwas zur Rolle der deutschen Sozialdemokraten in der Tschechoslowakei einfügen. Die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei DSAP ist bis zum Erscheinen der Henlein-Bewegung meist die stärkste Partei im deutschen Spektrum. Sie geht bis 1935 den Weg aller deutschen Parteien. Sie versucht, im Parlament ihr Stimme für die deutschen Belange zu erheben,  doch sie bleibt erfolglos in dem Bemühen, etwas für die Sudetendeutschen zu erreichen.

1929 tritt sie in die tschechoslowakische Regierung ein. Der Sozialdemokrat Ludwig Czech wird tschechoslowakischer Sozialminister und bleibt es bis 1938. Er ist damit einer von drei deutschen Ministern, die sich vergeblich bemühen, die Lebensumstände der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei zu verbessern. Bei den Parlamentswahlen von 1929 erringen die Sozialdemokraten noch 21 von 75 deutschen Abgeordnetenmandaten.  1935 sinken sie auf 11 und die Sudetendeutsche Partei mit Konrad Henlein springt von 0 auf 44.

Nun kommt die DSAP in eine verzwickte Lage. Sie kämpft nach zwei Seiten um ihr Überleben. Im benachbarten Deutschland sinkt die Arbeitslosenzahl inzwischen spürbar. In der Tschechoslowakei verbessert sich für die arbeitslosen Deutschen nichts. Deutschland gewinnt damit rapide an Attraktivität für die Sudetendeutschen. Im Deutschen Reich wird allerdings die SPD verboten – wie 1934 auch in Österreich - .  Somit ist Deutschland für die Sudetendeutschen in der DSAP nur noch wenig – oder garnicht – attraktiv. Ein Anschluss ist für die sudetendeutschen Sozialdemokraten damit keine Lösung für ihr Schicksal in der Tschechoslowakei. Die DSAP ist nun auf Gedeih und Verderb auf das Verbleiben in der Tschechoslowakei angewiesen und muss sich mit ihr arrangieren.

1936 fordert der sozialdemokratische Abgeordnete Wenzel Jaksch im Prager Parlament die Anerkennung der deutschen Volksgruppe in der Tschechoslowakei als Körperschaft. Er fordert innerstaatliche Verträge des Staates mit den Deutschen.  All´ das fordert Konrad Henlein auch. Jaksch wendet sich gegen die fortschreitende Tschechisierung der Beamtenschaft in den sudetendeutschen Grenzgebieten. Er kritisiert die nicht enden wollende Politik der kleinen Nadelstiche der Tschechen gegen ihre deutschen Landsleute.  All´ das kritisiert und beklagt Henlein auch.

1937 gründen die drei deutschen aktivistischen Parteien eine Zentralstelle für die Deutschen in der Tschechoslowakei, und 80 Verbindungsstellen in Böhmen und Mähren. Die Zentralstelle und die Verbindungsstellen sollen Kontakte zwischen den Deutschen und den tschechoslowakischen Behörden auf Staats- und Bezirksebene herstellen, die deutsch-tschechischen Konflikte entschärfen und Deutsche auf Arbeitsplätze vermitteln. Leiter der Organisation ist der Sozialdemokrat Wenzel Jaksch, und Leiter der Zentralstelle ist Willi Wanka. Nach einem Jahr muss Wanka enttäuscht resümieren, dass seine Organisation zwar 5.000 Deutsche auf Arbeitsplätze hat vermitteln können, dass aber eine gerechte Verteilung der Arbeit nach dem Proporz der Bevölkerung weiter nicht in Sicht ist.

Wenzel Jaksch versucht auch – wie Henlein – die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit auf das Los der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei zu lenken. Er reist – wie Henlein – nach England. Doch er findet dort – anders als Henlein – keine politisch wirksame Aufmerksamkeit und kommt enttäuscht zurück.

Czech, Jaksch und Wanka können das Schicksal der Sudetendeutschen nicht mehr wenden.

 

Den Fortgang der Geschichte nun in groben Zügen: Der englische Premierminister Chamberlain durchschaut Hitlers Absicht, das sudetendeutsche Problem in der Tschechoslowakei zu nutzen, um die Tschechoslowakei zu zerschlagen. Er reist deshalb dreimal zu Hitler, um zwischen Berlin und Prag zu vermitteln, und er entsendet einen Sonderbotschafter in die Tschechoslowakei, um die Lage dort zu eruieren. Sonderbotschafter Lord Runciman spricht in der Tschechoslowakei mit der Regierung, mit den Parteien und den Vertretern der Nationen. Runciman erstattet am 16. September 1938 Bericht nach London. Der Report fällt vernichtend für die Tschechen aus. Er gibt Henlein zwar die Alleinschuld für den letzten Abbruch der Gespräche zwischen der tschechoslowakischen Regierung und der Sudetendeutschen Partei. Doch er schreibt auch:

»... Mein Eindruck ist, daß die tschechische Verwaltung im Sudetengebiet, wenn sie auch in den letzten 20 Jahren … gewiß nicht ›terroristisch‹ war, dennoch einen solchen Mangel an Takt und Verständnis und so viel kleinliche Intoleranz und Diskriminierung an den Tag legte, daß sich die Unzufriedenheit der deutschen Bevölkerung unvermeidlich zur Auflehnung fortentwickeln mußte. Die Sudetendeutschen mußten auch erleben, daß ihnen seitens der tschechoslowakischen Regierung in der Vergangenheit zwar eine Menge versprochen worden war, daß aber nur sehr wenig oder nichts hiervon in Erfüllung gegangen ist. …«

Er setzt fort, man habe tschechische Beamte und Polizisten ohne Deutschkenntnisse in rein deutschen Bezirken eingesetzt, Tschechen in deutschen Gebieten angesiedelt, tschechische Firmen bei der Vergabe von Staatsaufträgen bevorzugt, soziale Hilfen auf die Tschechen konzentriert und so weiter und so fort. Runciman schließt mit der Empfehlung, die Grenzbezirke mit »bedeutender deutscher Bevölkerungsmehrheit« unverzüglich von der Tschechoslowakei zu trennen und an Deutschland anzugliedern. Bemerkenswert ist eine Runciman-Bemerkung in seinem Abschiedsbrief an Beneš: Dort bedauert er, daß die Sudetendeutsche Partei als die stärkste in der Nationalversammlung keine verfassungsmäßige Möglichkeit bekommt, sich zum Wohl der Deutschen auszuwirken, weil sie immer überstimmt werden kann. Runciman folgert in diesem Brief an Beneš, daß Sudetendeutsche die tschechische Demokratie konsequenterweise für eine Farce halten. Man kann vermuten, daß Runciman den Sachverhalt genauso sieht.

Nun steuern die Ereignisse auf die Konferenz von München zu. Chamberlain – beeindruckt von Runcimans Bericht – ist gewillt, Hitlers Forderungen weit entgegenzukommen. Er reist am 15. September 1938 nach Berchtesgaden zu Hitler. Hitler verlangt die Angliederung der Sudetenlande an das Deutsche Reich und sagt, das erfolge nun entweder auf dem Verhandlungswege oder mit Gewalt. Chamberlain nimmt Hitler das Versprechen ab, von der Gewalt solange abzusehen, wie er vermittelt. Chamberlain reist zurück nach London. Dort empfängt er sofort den französischen Ministerpräsidenten Daladier. Chamberlain und Daladier einigen sich darauf, die Tschechen aufzufordern, die Landesteile mit über 50% sudetendeutscher Bevölkerung ohne Volksabstimmung an das Deutsche Reich abzutreten.

Interessant ist, warum gerade die Franzosen eine Volksabstimmung in der Tschechoslowakei ablehnen. Daladier argumentiert, daß eine Abstimmung in der Tschechoslowakei die deutschsprachigen Elsässer zu einer gleichen Forderung ermuntern könnte.

Am frühen Nachmittag des 19. September wird dem tschechoslowakischen Staatspräsidenten Beneš die britisch-französische Forderung übergeben, die sudetendeutschen Gebiete an Deutschland abzutreten. Beneš begibt sich mit dem Kabinett für 30 Stunden in Klausur. Am 20. September um 20 Uhr übermittelt der tschechoslowakische Außenminister Krofta den Briten und Franzosen ein klares Nein zur Abtretung. Um 22 Uhr schon wankt das klare Nein. Ministerpräsident Hodža läßt nach Paris und London übermitteln, daß Staatspräsident Beneš zum Nachgeben bereit wäre, wenn England und Frankreich erklären würden, daß sie die Tschechoslowakei im Falle eines Krieges nicht unterstützen würden. Die Antwort aus Paris und London lautet:

»Indem die tschechoslowakische Regierung den britisch-französischen Vorschlag ablehnt, übernimmt sie die Verantwortung dafür, daß sich Deutschland entschließt, zu den Waffen zu greifen.«

Am 21. September um 17 Uhr übergibt Außenminister Krofta den Botschaftern Englands und Frankreichs die endgültige Entscheidung der tschechoslowakischen Regierung und des Staatspräsidenten Beneš. Sie lautet:

»Der englisch-französische Plan zur Abtretung der mehrheitlich von Sudetendeutschen bewohnten Gebiete wird mit dem Gefühl des Schmerzes akzeptiert.«

Das ist die Prager Abtretung vom 21. September 1938, eine Woche vor der Konferenz von München. Mit dieser Abtretungserklärung hätte die sudetendeutsche Frage eigentlich abgeschlossen werden können. Doch es kommt anders.

Als Chamberlain am Tag darauf Hitler in Bad Godesberg von der Prager Abtretungserklärung informiert, schiebt Hitler zwei neue Forderungen nach. Er fordert – nach einer inzwischen erfolgten Mussolini-Intervention – daß auch den Ungarn und Polen in der Tschechoslowakei die gleichen Rechte wie den Sudetendeutschen zugestanden werden. Und er fordert zweitens, daß die abzutretenden Gebiete binnen einer Frist von nur vier Tagen von der Tschechoslowakei an Deutschland übergeben werden. Chamberlain ist empört über Hitlers neue Forderungen.

Woher kommt Hitlers Eile?

Hitler ist Dank des deutschen Abhördienstes inzwischen über Entwicklungen informiert, die selbst Chamberlain nicht kennt. Zum einen hat der französische Minister Mandel Präsident Beneš in dem schon erwähnten Telefonat aufgefordert, den Deutschen Widerstand zu leisten. Mandel hatte dabei »die Kanonen Frankreichs, Großbritanniens und der Sowjetunion« in Aussicht gestellt. Zum anderen hat die Prager Regierung auf Telefonleitungen, die durch das Reich verlaufen, offen mit den tschechischen Botschaftern in Paris und London darüber gesprochen, daß nun Zeit gewonnen werden muß, bis die Opposition in Frankreich und in England Daladier und Chamberlain stürzt und durch neue, kriegsbereite Regierungschefs ersetzt. Hitler hat Kenntnis von der Kabinettskrise in Paris und ist sich der Gefahr bewußt, daß schon in Kürze statt des »Friedenspremierministers« Daladier ein neuer Premier aus dem Nest der Falken einen Konfrontationskurs gegen Deutschland fahren könnte. So hat es Hitler plötzlich eilig.

Die weiteren Vermittlungsbemühungen Chamberlains führen vorerst nicht zum Ziel. Hitler stellt der tschechoslowakischen Regierung ein Ultimatum für die Übergabe der sudetendeutschen Gebiete. Die Prager Regierung geht nicht darauf ein. Stunden vor Ablauf des Ultimatums kann Mussolini Hitler davon überzeugen, daß der tschechisch-deutsche Streit in einer Konferenz mit den Regierungschefs Englands, Frankreichs, Italiens und Deutschlands geregelt werden sollte. Es kommt am 29. und 30. September 1938 zu jener berühmten Konferenz in München.

Das Münchener Abkommen

Die vier Regierungschefs einigen sich darauf, daß vier kleinere sudetendeutsche Gebiete mit eindeutiger deutscher Mehrheit in den Tagen vom 1. bis zum 10. Oktober von deutschen Truppen besetzt und an Deutschland übergeben werden, und daß ein internationaler Ausschuß aus Tschechen, Deutschen, Italienern, Franzosen und Engländern die weiteren abzutretenden Gebiete festlegen soll. Das Abkommen, das diese Dinge festlegt, das Münchener Abkommen, besteht aus 8 Punkten. Ihm sind drei Zusatznoten angefügt.

Zuerst zu den 8 Punkten: Sie regeln die Übergabe der Gebiete an Deutschland, die Einrichtung des Internationalen Ausschusses, das Optionsrecht für Deutsche und Tschechen im jeweils anderen Staat und anderes mehr. Alle 8 Punkte sind zu deutschem Vorteil, und Hitler hat später keinen der 8 Punkte gebrochen und damit auch das Münchener Abkommen nicht.

Der genaue Wortlaut des Münchener Abkommens ist es wert, aufmerksam studiert zu werden. Die Präambel lautet:

»Deutschland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien sind unter Berücksichtigung des Abkommens, das hinsichtlich der Abtretung des sudetendeutschen Gebiets bereits grundsätzlich erzielt wurde, über folgende Bedingungen und Modalitäten dieser Abtretung und über die danach zu ergreifenden Maßnahmen übereingekommen.«

Hiermit drücken die vier Unterzeichner aus, daß die Abtretung nicht in München, sondern im Grundsatz schon zuvor entschieden worden ist. Die Formulierung »des Abkommens, das … bereits grundsätzlich erzielt wurde,« bezieht sich ausdrücklich auf die »Prager Abtretung« vom 21. September 1938. Die Abtretung ist zwar auf massiven deutschen Druck erfolgt, aber dennoch nicht zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei vereinbart worden. Und das hat eine lange Vorgeschichte, die mit Punkt 2 des Abkommens erkennbar wird. Punkt 2 lautet:

»2. Das Vereinigte Königreich, Frankreich und Italien vereinbaren, daß die Räumung des Gebiets bis zum 10. Oktober vollzogen wird.«

Merken Sie etwas? Hier ist Deutschland nicht erwähnt, und das hat seinen Grund. Nur die drei Siegermächte des Ersten Weltkriegs vereinbaren die Räumung der Sudetenlande mit der Tschechoslowakei, weil nur sie es sind, die den Tschechen die Rechte an den deutschen Gebieten wieder aberkennen können, die sie ihnen im November 1918 unter falschen Voraussetzungen zugesprochen hatten. Beneš hatte den Siegern 1918 in Paris falsche Angaben zu dem Bevölkerungsanteil der Deutschen und zu ihren Siedlungsflächen vorgelegt und zudem versprochen, die nationalen Minderheiten nach Art der Schweiz an ihrem neuen Staate zu beteiligen. Mit Punkt 2 des Abkommens korrigieren die Siegermächte von 1918 einen ihrer in Saint Germain gemachten Fehler.

Damit ist die Geschichte der Sudetendeutschen in der ersten Tschechoslowakei von 1918 bis 1938 eigentlich berichtet. Doch der Vorwurf, Hitler habe das Münchener Abkommen mit der späteren Besetzung der Tschechei gebrochen, geistert zäh wie Unkraut durch die deutsche Geschichtsschreibung. Und der Vorwurf, die Deutschen hätten nach dem Münchener Abkommen massenweise Tschechen aus den Sudetenlanden vertrieben, wuchert zäh daneben.

Ich will den Vortrag mit einer Antwort auf die beiden Vorwürfe beschließen. Daß Hitler keinen der 8 Punkte des Münchener Abkommens gebrochen hat, habe ich bereits erwähnt. Das Abkommen hatte allerdings drei Zusatznoten. Die erste verpflichtet die vier Unterzeichnerstaaten, die territoriale Unversehrtheit der Tschechoslowakei fortan zu garantieren, und zwar nach der Regelung der bis dahin nicht beigelegten tschechisch-polnischen und tschechisch-ungarischen Minderheiten- und Grenzstreitigkeiten. Gut einen Monat nach Unterzeichnung des Münchener Abkommens liegen die Regelungen für beide Grenzprobleme vor. Nun hätte Deutschland seine Garantie gegenüber Prag abgeben müssen. Doch keiner der vier Unterzeichnerstaaten gibt die Garantie ab. Jeder schiebt den anderen vor. Die Regierungen in Rom, Berlin und London sind nun der Auffassung, daß man die äußeren Grenzen eines Staates, der von innen her zerfällt, nicht von außen garantieren sollte. Auch Frankreich spricht die Garantie nicht aus, auch wenn es die anderen drei Staaten ständig mahnt, die Garantien endlich abzugeben. Man kann der deutschen Reichsregierung vorwerfen, daß sie die zugesagte Garantie nicht abgegeben hat, so wie man das den Engländern, Franzosen und Italienern vorwerfen kann. aber ein Bruch des eigentlichen Münchener Abkommens ist das nicht.

Etwas ganz anderes ist allerdings Hitlers Wortbruch gegenüber Chamberlain. Beide schließen – noch in München – ein Konsultationsabkommen, das Hitler sechs Monate danach mit dem Alleingang der Besetzung der Tschechei bricht. Das hat jedoch mit dem Münchener Abkommen nichts zu tun. Dieser Wort- und Vertragsbruch Hitlers ist von weltgeschichtlicher Bedeutung. Damit schneidet er den Faden zur englischen Regierung durch, die sich nach dem Einmarsch der Wehrmacht in das Protektorat Böhmen und Mähren fragt: »What next?« Mit diesem Vertrags- und Wortbruch schlägt Hitler selbst die Tür für eine spätere und mit den Engländern einvernehmlich zu treffende Regelung der deutsch-polnischen Probleme zu. Sie wissen, was dem alles folgt. Danzig! Zweiter Weltkrieg!

Der zweite Vorwurf gegen Deutschland ist noch nicht abgehandelt. Der Vorwurf, Deutschland hätte bei der Übernahme der Sudetenlande massenweise Tschechen von dort vertrieben. Rund 743.000 Tschechen leben bislang in den nun abgetrennten Gebieten. Von den 743.000 Tschechen lebten rund 280.000 schon vor 1910 in den Sudetenlanden. Sie dürfen nach dem Anschluß in ihrer angestammten Heimat bleiben. Sie werden nicht vertrieben. Von den verbleibenden 463.000 beordert die tschechoslowakische Regierung 260.000 Angehörige des Militärs und Öffentlichen Dienstes und deren Familienangehörige in die Tschechoslowakei zurück. Bei den dann noch verbleibenden 203.000 Tschechen sind 37.000 Bürger des Hultschiner Ländchens mitgezählt, die bis 1920 deutsche Staatsbürger waren und sich noch 1922 bei einer Volksbefragung mit großer Mehrheit für ihre Rückkehr an das Deutsche Reich entschieden hatten.

Es bleiben etwa 166.000 Tschechen. Formal und offiziell ausgewiesen werden 140 Tschechen als mißliebige Personen. 140! Und nicht 140.000. Von den 166.000 seit 1910 zugezogenen Tschechen verbleibt ein Viertel endgültig in den reichsangeschlossenen Gebieten. Zwei Drittel der seit 1910 zugezogenen Tschechen und Slowaken flieht aus Angst vor deutschen Repressalien oder zieht ganz geregelt in die Tschechoslowakei zurück, weil sie nicht unter deutscher Herrschaft leben wollen.

Die tschechoslowakische und die deutsche Reichsregierung schließen im November 1938 im Nachgang zum Münchener Abkommen zwei Staatsverträge, die die Staatsangehörigkeits- und Besitzfragen regeln. Danach gibt es auf deutscher Seite selbst für die seit 1910 zugewanderten Tschechen und Slowaken - die so genannten Zuzügler - keinen staatlich ausgeübten Zwang, die Sudetenlande zu verlassen. Auch Optanten, die Tschechen bleiben, werden nicht gezwungen, in die Tschechoslowakei zu gehen. Hier sei daran erinnert, daß Deutsche, die sich 1920 entschieden hatten, deutsch zu bleiben, die neue Tschechoslowakei verlassen mußten.

Der zweite Vertrag sichert den Geflohenen, den Ausreisenden und den Ausgewiesenen die Wiederaushändigung ihres privaten Besitzes zu. Wer in den Wirren der letzten Monate die Sudetenlande oder die innere Tschechei verlassen hatte, bekommt Wohnungseinrichtungen, sonstige bewegliche Habe und die verlassenen Immobilien wieder ausgehändigt. Das alles klingt nicht nach Vertreibung. So schreibt dann auch die tschechoslowakische Zeitung PRÁVO (Das Recht) vom 1. Januar 2003 zu diesem Sachverhalt:

»Es ist wahr, daß nur ein Bruchteil von ihnen physisch vertrieben oder amtlich ausgesiedelt wurde. In den übrigen Fällen handelte es sich … um den Verlust der Beschäftigung und Bedrohung … als Folge einer durch die Henleinleute hervorgerufenen Psychose.«

Eine Vertreibung der Tschechen ist das nicht gewesen. Dieser Exodus der nach 1919 in den Sudetenlanden angesiedelten Staatsbediensteten, der Rückwanderer und der Ausgewiesenen, so schlimm er auch für die Betroffenen gewesen sein mag, ist kein Vorgänger der Vertreibung der über drei Millionen Sudetendeutschen durch die Tschechen von 1945/46, bei der etwa 273.000 Menschen durch Mord, Totschlag und auf andere Weise um ihr Leben kommen.

Soweit zum Schicksal der Tschechen 1939. Auf einem anderen Blatt steht allerdings das Los der Sudetendeutschen, denen Verfolgung und Bestrafung im Deutschen Reich droht. Tragisch ist dabei die Rolle, in die sich die sudetendeutschen Sozialdemokraten begeben haben. Sie geraten zwischen die Mühlsteine der Völker und Systeme. Die sozialdemokratischen Parteien Österreichs und Deutschlands sind gleichermaßen verboten und viele Parteigenossen inhaftiert. Damit ist ein Anschluss der Sudetenlande an Österreich oder Deutschland für die Sozialdemokraten keine Option mehr, um der Herrschaft der Tschechen zu entrinnen. Im Streit um den Sudetenland-Anschluss 1938 und unmittelbar vor der Besetzung der Rest-Tschechei als Protektorat 1939 schlagen sich die Deutschen um Jaksch und Wanka deshalb auf die Seite der Tschechen. Die Männer der sozialdemokratischen Republikanischen Wehr bewachen die tschechische Grenze auf der tschechischen Seite zusammen mit der tschechischen Armee gegen ihre deutschen Landsleute auf der anderen Seite.

Wenzel Jaksch – der letzte Vorsitzende der DSAP – schreibt später im Exil über die Republikanische Wehr: „Anlässlich der Mobilisierung fassten sie Waffen und Munition und machten Tag und Nacht in den Grenzwäldern Dienst. … Auf den vordersten Grenzposten waren sie noch anzutreffen, als schon die Möbelwagen vieler Beamter in Sicherheit waren.“

Tragisch ist das Los der Sozialdemokraten, die sich zum Schluss – wohl notgedrungen – auf die Seite der Tschechen gestellt haben. Viele gehen nach dem Anschluss der Sudetenlande in die innere Tschechei und werden, soweit sie nicht beizeiten von dort ins Exil gegangen sind, von den tschechischen Behörden an das nationalsozialistische Deutschland ausgeliefert. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Tschechen den sudetendeutschen Sozialdemokraten, die ihnen 1938 und 39 die Treue gehalten haben, ihre Treue nicht gedankt.

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Brueskiert

Der Gründer und Generalsekretär der Europäischen Union für Vertriebene und Flüchtlinge (EUVF), Dr. Massimilio Lacota, blieb ohne Erklärung oder Entschuldigung dem 2009 Seminar des Internationalen Willi-Wanka-Kreises (IWWK) fern. Das hat Befremden sowohl innerhalb des IWWK als auch bei der Verwaltung des Heiligenhofs ausgelöst.

Eine Einladung an Dr. Lacota vor knapp einem Jahr war aus zwei Gründen ergangen. Zum einen sollte er eine Gelegenheit haben, den Seminarteilnehmern Sinn und Zweck der EUFV zu erklären. Zum anderen sollte er gebeten werden, sich um die Würdigung des 70. Jahrestags der Flucht 1939 von Zehntausenden sudetendeutscher Antifaschisten vor der Gestapo, und Rettung einiger Tausender durch Emigration nach Grossbritannien, Skandinavien und Kanada, Gedanken zu machen.

Insbesondere die Auswanderung 1939 nach Kanada von ein Tausend sudetendeutscher Antifaschisten und die Gründung der Sudetensiedlung Tomslake in British Columbia sind für den Internationalen Willi-Wanka-Kreis von Interesse, weil sie unter Leitung seines Taufpaten Willi Wanka stattfanden. Das waren bedeutsame, durch Initiative der sudetendeutschen Sozialdemokratie zustande gekommenene historisch-soziologische Ereignisse, die die Grenzen der Zivilisation im Nordwesten Kanadas nach Westen verschoben, das Eisenbahnnetz der Canadian Pacific und National Railroads vergrösserten und die Kultur des Peace River Districts in British Columbia bereicherten. Dazu war es nötig, sudetendeutsche Angestellte, Handwerker, Akademiker und Parteifunktionäre zu kanadischen Landwirten zu machen, weil Kanadas Einwanderungsgesetze ausschliesslich solchen eine Möglichkeit zur Einwanderung boten.

 Zu Lebzeiten Wankas wurde dieses Ereignis regelmässig gewürdigt, u.a. durch Teilnahme an den Jubileen des Sprechers der Sudetendeutschen Landsmannschaft und  des Vorsitzenden der Seliger Gemeinde, auch als Gesinnungsgemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten bekannt, die einst Kanadas Sudetensiedler politische Heimat war. Seit Wankas Tod ist es (zu) still geworden um dieses Ereignis. EUFV hätte  dazu beitragen können, eine seiner geschichtlichen  Bedeutung entsprechende Würdigung zum 70. Jahrestag wieder herzustellen; doch die Hoffnung trog.

            Der Internationale Willi-Wanka-Kreis steht zu seiner am 8. Juni 2008 an die Europäische Union für Vertriebene und Flüchtlinge gesandten Grussadresse und sucht weiter eine Zusammenarbeit, weil nur durch internationalen Druck die Tschechen zur Aufarbeitung des an den Sudetendeutschen begangenen Völkermords bewogen werden können.

5:47 pm pdt          Comments

Saturday, July 4, 2009

2009 Seminar

Vierundreissig Mitglieder und Interessenten des Internationalen Willi-Wanka-Kreises (IWWK) aus Deutschland, Schweden, Spanien, Tschechien und den Vereinigten Staaten trafen sich vom 1. bis 4. Juni 2009 im Heiligenhof in Bad Kissingen zum diesjährigen Seminar, um weltweite Vertreibungspraktiken zu diskutieren und zu verurteilen.

Der Vorsitzende war in der Überzeugung angereist, dass IWWK durch das unerwartete Ableben seines Stellvertreters Adolf Wolf, der auch Chefredakteur der Druckversion des Sudetenboten war, seine Existenzfähigkeit verloren hatte. Allerdings teilte keiner der Anwesenden der „Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Wahrheitssucher“ des Vorsitzenden Vision, 1. weil wir es unseren verstorbenen Vorfahren schuldig sind, die Wahrheit über ihr Missgeschick der Entrechtung, Enteignung und Vertreibung weiter zu suchen und zu verbreiten, und 2. weil IWWK durch seine internationale Zusammensetzung und Verbreitung selbst als kleine Gruppe auch im Ausland die Wahrheit über den sudetendeutschen Völkermord kund zu tun imstande ist.

Die Herausgabe der gedruckten Form des Sudetenboten hat dankenswerterweise Dr. Hans Mirtes in Frontenhausen übernommen. Ein Vorschlag Mirtess, den Sudetenboten aus wirtschaftlichen Gründen mit anderen die Wahrheit verbreitenden Informationsblättern, z.B. den Witikobrief, zu verbinden fand keine Unterstützung. Daher geht an Dr. Mirtes die Bitte, die Eigenständigkeit des Sudetenboten wahren zu helfen.

Durch Verbindungen zu anderen Organisationen soll versucht werden, IWWKs Impakt des zu erhöhen. Im besonderen ist eine enge Zusammenarbeit mit der Europäischen Union für Vertriebene und Flüchtlinge (EUVF) geplant. Solch eine gemeinsame Arbeit ist wichtig, um die Tschechen zur Aufarbeitung der an den Sudetendeutschen begangenen Verbrechen zu bewegen.

            In einem ausgezeichneten Vortrag, einer Synopsis seines Buches „Das Sudetendeutsche Drama 1918-1939“( OLZOG Verlag, ISBN 978-3-7892-8265-2), beleuchtete Generalmajor a.D. Gerd Schultze-Rohnhof die Schwierigkeiten im deutsch-tschechischen Verhältnis. Des Generals den Zeitgeist herausfordernde Schlussfolgerungen sind: 1. Ein Sprachengesetz im „Völkerkerker“ Österreich-Ungarn war liberaler als das in der „Musterdemokratie“ Tschechoslowakei bestehende; 2. Die Tschechoslowakei wurde mit falschen Vorstellungen unter falschen Voraussetzungen mit falschen Versprechungen geschaffen; 3. Die Abtretung der Gebiete mit mehr als 50% deutsch-sprechender Einwohner an Deutschland erfolgte auf Empfehlung der britischen Regierung mit  Unterstützung der Regierungen Frankreichs und Italiens (nicht aber Deutschlands); 4. Hitler hat das Münchner Abkommen nicht gebrochen; 5. Bis auf 140 (einhundertvierzig) unerwünschte Individuen (Kriminelle) wurde kein Tscheche oder Slowake aus den an Deutschland abgetretenen Gebieten ausgewiesen.

            Jakub Patek von der Universität Aussig/Usti nad labem berichtete über „Untersuchungen über die Bevölkerungsprobleme von Nollendorf/Naklerov“. Dieser Grenzort in 15 km Entfernung von der böhmisch-sächsischen Grenze diente ihm als „historische Mikrosonde“ für die im Laufe der Geschichte aufgetretenen Grenzprobleme. Dabei behandelte er die Geschichte des Ortes von seiner Gründung im 14. Jahrhundert bis heute. Patek schilderte eindrucksvoll den Verfall dieser 591 Seelen zählenden, ausnahmslos deutsch sprechenden, römisch-katholischen Gemeinde zur praktischen nicht-Existenz heute; Nollendorf ist eines von Tausenden der „Verschwundenen Orte“ des Sudetenlandes.

            Rudolf Pueschel zog einen Vergleich zwischen den Schicksalen der Sudetendeutschen mit jenen der Palästinenser. Angeregt von einem 2006 erschienenen Buch des israelischen Historikers Ilan Pappé „The Ethnic Cleansing of Palestine“ (Oneworld Publications Ltd., ISBN 13-978-1-85168-467-0) dokumentierte er Ähnlichkeiten der von den Zionisten zur „rassisch-nationalen Homogenisierung“ Israels angewandten Praktiken mit jenen, die Tschecho-Slowaken während der Vertreibung der Sudetendeutschen angewandt haben. Beide verletzen Artikel 14 und 20 der „Konventionen über Bürger- und Menschenrechte“ der Vereinten Nationen.

            In einem zweiten Vortrag behandelte Pueschel die Auseinandersetzung zwischen Wenzel Jaksch und Edvard Beneš im Londoner Exil 1939-1945. Angeregt durch ein Buch von Martin Brown „Dealing with Democrats-The British Foreign Office and the Czechoslovak Emigrés in Great Britain, 1939 to1945“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/Main, ISBN3-631-53570-8) illustrierte er Jakschs Niedergang vom gleichberechtigten Verhandlungspartner 1939 zur „persona non grata“ als Politiker 1945, bei gleichzeitigem Aufstieg Benešs von einer „unerwünschten Person“ zum Verbündeten. Dazu trug, vom britischen Historiker und Tschechophilen Robert W. Seton-Watson gesteuert, Benešs Unterstützung durch den britischen Geheimdienst und anderen "think tanks" wesentlich bei, die sogar die tschecho-slowakischen Verbreitungspläne ausarbeiteten.

            Das nächste Seminar des Internationalen Willi-Wanka-Kreises ist vom 24. bis 27. Mai 2010 im Heiligenhof mit dem Thema „Vertreibungen sind Folgen von Rassismus und Chauvinismus“ statt.

 


 

 

3:21 pm pdt          Comments


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