Sudetenbote

sudetenbotelogo2.jpg
Siedlungsgebiete der Deutschen in Boehmen, Maehren und Sudeten Schlesien

Willkommen zur Internet-Webseite des Sudetenboten. Sie wurde zusätzlich zur von Willi Wanka 1964 in Kanada gegründeten und heute von Hans Mirtes in Frontenhausen herausgegebenen Druckausgabe des Sudetenboten geschaffen, um Informations- und Gedankenaustausch im Sinne der Interessen, Ziele und Aufgaben der 1945-1947 entrechteten, enteigneten und vertriebenen Sudetendeutschen Volksgruppe zu fördern.

 

Der Sudetenbote unterstützt eine Europäische Union, in der alle Menschen, Volksgruppen und Völker gleichberechtigt in Frieden, Freiheit und Wohlstand miteinander leben können, im Sinne der von den Vereinten Nationen verabschiedeten Konventionen über Bürger- und Menschenrechte, einschliesslich des Rechts auf Heimat. Aus diesem Grund verurteilt er die Existenz und Anwendung von Rassengesetzen, wie die in Tschechien und in der Slowakei noch immer geltenden Beneš-Dekrete, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Entrechtung, Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen führten. Der Sudetenbote fördert den Versuch einer Wiedergutmachung des an den Sudetendeutschen begangenen Unrechts.


Archive Newer | Older

Thursday, October 24, 2013

In Memoriam: Richard Josef Gebhart (1919-2013)

 

Wo wird einst des Wandermüden letzte Ruhestätte sein?

Unter Palmen in dem Süden, unter Linden an dem Rhein?

Werd‘ ich wo in einer Wüste eingescharrt von fremder Hand?

Oder lieg’ ich an der Küste eines Meeres in dem Sand?

Einerlei. Mich wird umgeben Gotteshimmel dort wie hier.

Und als Totenlampen schweben nachts die Sterne über mir.

Heinrich Heine

Am 28. August 2013 verstarb in der Sudetensiedlung Tomslake in Kanadas Provinz British Columbia mein Freund Richard Josef Gebhart im Alter von 94 Jahren. Gemeinsam war uns, dass wir unsere Kindheit, Richard auch seine Jugend, in Peterswald im Erzgebirge, Sudetenland verlebten. Dort sind wir uns aber nie begegnet. Das lag zum Teil am Altersunterschied; Richard war 15 Jahre älter als ich. Das lag zum Teil auch daran, dass Richard und ich politisch in verschiedene Richtungen marschierten; Richard war linksorientiert und Mitglied der sozialistischen Jugendorganisation Rote Falken, während ich mit 10 Jahren Pimpf in Hitlers Jugend wurde. Das lag zum größten Teil aber daran, dass wir beide gezwungen wurden, Peterswald relativ jung zu verlassen; er als Flüchtling vor Hitlers Gestapo, ich als Vertriebener aufgrund einer bornierten Nationalitätenpolitik der damaligen tschecho-slowakischen Regierung unter ihrem „dünnhäutigen, überaus selbstgerechten, kalt und nachtragenden“ (R.M.Douglas) Präsidenten Beneš. Gemeinsam aber war uns wiederum, dass das Schicksal Richard und mich nach Amerika verschlug. So verbrachten wir den größten Teil unseres Lebens 10 000 Kilometer westlich von der angestammten Heimat, ungefähr auf dem gleichen Längengrad aber in 2 500 Kilometer Nord-Süd Entfernung; Richard in Kanada und ich in Kalifornien.

Die verzögerte erste Begegnung mit Richard Gebhart fand im Sommer 2003 während meines zweiten Besuchs in Tomslake statt. Dazu angeregt wurde ich durch die Bekanntschaft mit dem Namen Willi Wanka, die ich während meiner ersten Teilnahme an einem Seminar des Willi-Wanka-Kreises im Heiligenhof in Bad Kissingen im Jahre 2001 machte. Dabei erfuhr ich von der Gründung der Sudetensiedlung Tomslake im Jahre 1939 am Rande der Zivilisation im Peace River Gebiet in British Columbia durch 500 nach dem Anschluss des Sudetenlands ans Deutsche Reich 1938/39 vor der Gestapo geflüchteten sudetendeutschen Sozialdemokraten. Ihr Anführer war Willi Wanka, der dort 1964 mit der Herausgabe des Sudetenboten begann. Diese Erkenntnis führte im Sommer 2002 zur Spurensuche nach Willi Wanka und seinen Zeitgenossen.

Vor Antritt der Heimreise nach dem ersten Besuch Anfang August 2002 besuchten meine Gattin und ich den damals noch existierenden Kaufladen in Tomslake, um Reiseproviant zu kaufen. Beim Bezahlen stellte ich der Verkäuferin die obligatorische Frage: Was wissen Sie von den inzwischen zu Sudeten-Kanadiern gewordenen Sudetensiedlern von 1939 und was halten Sie von ihnen? Sie antwortete, die Sudetens (wie sie in Kanada allgemein bezeichnet werden) seien in Ordnung, schließlich ist sie mit einem von ihnen verheiratet. Ich bat um eine Gelegenheit, ihren Gatten sprechen zu dürfen. Darauf erklärte sie mir, dass ihr Mann kein waschechter Sudetenländer sei, weil er in Kanada geboren und aufgewachsen ist. Seine Eltern aber, die in der Nähe wohnen, sind geborene Sudetendeutsche und könnten unsere Neugier besser stillen. Also machten meine Frau und ich uns auf den Weg zu Gebharts Farmhaus und klopften an die Tür. Eine zierliche Frau, einer Bäuerin recht unähnlich, öffnete, begrüßte uns herzlich und bat uns, in der Wohnstube Platz zu nehmen. Sie war Frau Ricki Gebhart, die 80 Jahre zuvor in Römerstadt als Ericka Seitner geboren worden war. Trotz ihrer Zierlichkeit leitete sie die 64 Hektar große Gebhart-Farm allein, wenn ihr Mann Richard beim Bau der Alaskastrasse oder bei der Strassenbaubehörde British Columbias für ein zweites Einkommen zur Arbeit gehen musste. Sie hatte gerade Dalgen gebacken, die sie mit Powidl bestrich und uns servierte; eine in Kanada nicht zu erwartende Geste. Noch größer war unsere Überraschung, als sie Peterswald als die Herkunft ihres Gatten Richard bekannt gab. Dass ich, ein nach Kalifornien verschlagener Peterswalder, 2500 Kilometer weiter nördlich in Kanada einen anderen Peterswalder finden würde hatte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Richard war mit Freunden aus Texas unterwegs und noch nicht wieder nach Hause gekommen, als wir die Heimreise antreten mussten.

Ein Jahr später begegnete ich Richard Gebhart, der mir sein bewegtes Leben schilderte. Er wurde am 5. August 1919 in Arbesau geboren, übersiedelte aber kurz nach seiner Geburt mit seinen Eltern nach Peterswald, das ihm zur Heimat wurde. Dort wohnten sie bei dem tschechischen Bruder seiner Mutter, einem Zuckerbäcker mit Namen Josef Novak, der auch als Ortsbriefträger fungierte. Richard war damals politisch linksorientiert und Mitglied der Jugendorganisation „Rote Falken“ der Deutschen Sozialistischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakei (DSAP ). Auch diente er zwei Jahre in der tschechoslowakischen Armee. Die Uniformen der Roten Falken waren schwarze Hosen, weiße Hemden und rote Schlipse. Die Mehrheit der Peterswalder Jugend war allerdings politisch rechtsgerichtet, trug schwarze Hosen und braune Hemden mit schwarzen Schlipsen, und sympathisierte in den dreißiger Jahren mit dem deutschen Nationalsozialismus. Die daraus resultierenden Schwierigkeiten waren heftig, bechränkten sich aber zunächst auf verbale Auseinandersetzungen, die im Prinzip friedlich verliefen. Eventuell aber kam es zu radikaleren Ausschreitungen mit Eigentumsbeschädigung; ein Beispiel ist das Zerschlagen der Schaufenster von Richards Onkel Novaks Konditorei. Nach solch einem Vorfall verließen die Novaks Peterswald und übersiedelten nach Prag. Richard Gebhart schloss sich ihnen an. Er wurde damit einer von 20 000 sudetendeutschen Flüchtlingen, die 1938 vor der Gestapo ins Innere der Tschechoslowakei flüchteten und sich damit den Weg nach Dachau oder Schlimmeres ersparten.

Richards Leben in Prag verlief zunächst friedlich. Er fand eine Anstellung, verdiente gut und besuchte weiterhin politische Veranstaltungen der DSAP. Bald aber wurde er ein beinahe-Opfer der gewaltsamen Rückführung sudetendeutscher Flüchtlinge ins bereits dem Deutschen Reich angegliederte Sudetenland. Gründe dafür gab es mehrere: Überbewerteter Nationalismus und Rassismus trennte beide Völker; die Behörden der Resttschechei mochten es sich nicht leisten, den tschechischen Arbeitsmarkt während der Wirtschaftskrise mit sudetendeutschen Flüchtlingen zu belasten; auch wollten sie die mächtigeren deutschen Reichsregierung nicht provozieren, was weitere für die Tschechen unangenehme Folgen hätte haben können.

Dieses Erlebnis schilderte Richard folgendermaßen:  „Ich flüchtete aus Peterswald nach Prag, wo ich bei meinem Onkel Unterschlupf fand. Ich fand auch Arbeit und erfreute mich meines Lebens, bis eines Tages Gendarmen in die Wohnung kamen, mich verhafteten und mit Gewalt zum Wilson-Bahnhof brachten. Dort sollte ich einen Zug nach Saaz besteigen, um dort an einer Volksabstimmung teilzunehmen. Warum nach Saaz, wo ich nie meinen Wohnsitz hatte, anstatt in den Aussiger Bezirk, wo ich bis zu meiner Übersiedlung nach Prag lebte, habe ich bis heute nicht begriffen. Vor dem Verlassen der Wohnung wies mein Onkel mich an, vom Zug bei der ersten Gelegenheit abzuspringen; er wuerde mit dem Motorrad folgen und mich zurück bringen. Als ich zum Bahnhof kam war der Zug bereits abgefahren und ich wurde angewiesen, auf den nächsten zu warten. Während ich wartete kam eine Polizeistreife vorbei, deren Anführer ich kannte, weil ich einmal mit ihm zusammen an einer politischen Veranstaltung in Pockau teilgenommen hatte. Er fragte mich, was ich so spät auf dem Bahnhof täte. Ich sagte ihm, dass ich angewiesen wurde, mit dem nächsten Zug nach Saaz zu fahren. ‚Diese Idioten!’, schimpfte er und brachte mich zurück in die Wohnung meines Onkels, der mich tags darauf mit seinem Motorrad ins Flüchtlingslager nach Svetla brachte.“

Nach einigen Wochen Aufenthalt in Svetla bestieg Richard einen Zug nach der polnischen Hafenstadt Gdingen. Der Zug war überfüllt mit sudetendeutschen Flüchtlingen mit Ausnahme eines halben Waggons, den sich nicht mehr als ein Dutzend jüdische Flüchtlinge teilen durften. Richards Klage darüber wurde mit, „die Juden zahlen gut“ ad acta gelegt. Über die folgende Reise auf einem kleinen Dampfer von Gdingen nach Norwegen erzählte er, nicht ohne Stolz, dass er und sein Freund Ortfried Gabert die einzigen waren, die mit dem Kapitän zu Abend speisen konnten; alle anderen Passagiere lagen seekrank in ihren Kojen.

Somit wurde Richard Gebhart einer von 3 000 privilegierten sudetendeutschen Hitlergegnern, die der Gestapo entkamen.  Aber 17 000 von insgesamt 20 000 ins Innere der Tschechei geflüchteten sudetendeutschen Antifaschisten wurden teils mit Gewalt, teils unter Vortäuschung falscher Tatsachen in sogenannte Abstimmungsgebiete im Sudetenland zurück gebracht und damit der Gestapo ausgeliefert.

Als die DSAP unter Führung Willi Wankas ihren Flüchtlingen in England die Gelegenheit schuf, nach Kanada auszuwandern, erklärte der „junge und abenteuerlustige“ Richard Gebhart sich dazu bereit. So führte ihn sein Weg von einem Kreuzweg der Geschichte, dem Sudetenland am Vorabend des Zweiten Weltkriegs zu einem anderen, dem Beginn der Alaskastraße, einer strategischen Straße jenes großen Krieges in der Wildnis im Norden Kanadas.

Er konnte sich nicht vorstellen, was ihn in der „Neuen Welt“ erwarten würde. Die Endstation einer fünftägigen Eisenbahnreise von der Ostküste Kanadas war Tupper Station: ein Geleis in einer Waldschneise, das Bahnhofsgebäude ein Holzschuppen umringt von Schwarzpappeln, die erst gerodet werden mussten bevor das Land urbar gemacht werden konnte. Weit und breit kein Haus. Der Schock, von einem industrialisierten, hochqualifizierten Land in der Mitte Europas bis in den „Busch“ im kanadischen Westen verpflanzt worden zu sein, wo die primitivsten Voraussetzungen zum bloßen Überleben erst noch geschaffen werden mussten, muss ungeheuer gewesen sein. Richard fand Unterkunft in einer bereits hergerichteten einräumigen,  wandlosen Bretterbude von 4 mal 6 Quadratmeter Fläche, die er mit einer Familie teilen musste. Manch anderer musste die ersten Wochen in einem Zelt verbringen.

Richard war einer von 500 Sudetensiedlern, die im Peace River Gebiet in British Columbia eine neue Heimat fanden und die Sudetensiedlung Tomslake  gründeten.  Weitere 500 siedelten in der kanadischen Prärie in der Provinz Saskatchewan.  (Kanada ließ die Zahl der aufzunehmenden Flüchtlinge unbegrenzt. Es konnten aber nicht mehr als 1000 sein, weil Es war der Auswandererstelle der DSAP  in Prag von September 1938 bis März 1939 aus Zeit- und Geldmangel nicht möglich, mehr Visen zur Ausreise zu beschaffen. Außerdem führten  Wankas Verhandlungen mit der kanadischen Regierung über die Aufnahme der Flüchtlinge erst im Februar 1939 zum Erfolg.)

Bemerkenswert ist, dass Richard Gebhart ohne landwirtschaftliche Erfahrung, wie fast alle anderen seiner Landsleute, nur als Farmer/Landwirt einreisen durfte. Andere Berufe ließen die damaligen Einwanderungsgesetze nicht zu. In der Bahnhofshalle in Jasper sind noch heute Plakate der Canadian National Railway ausgehängt, die seinerzeit zur Ansiedlung als Farmer in Kanada animierten. Die Kosten für eine Farm beliefen sich auf 1000 Dollar. Die Sudetensiedler mussten zusätzliche 500 Dollar aufbringen, mit denen ihre Ausbildung zu Landwirten finanziert wurde. Dazu kamen die Reisekosten die (allerdings erst nach dem Kriege) 180 Dollar pro Person betrugen.

Die meisten der Tomslake-Siedler blieben Farmer auf dem mit großer Mühe dem „Busch“ abgerungenen Land. Nur wenige wanderten in die Städte im Osten des Landes ab. Die, die aushielten, brachten es zu Wohlstand. Zu ihnen gehörte Richard Gebhart. Als ich ihn kennen lernte, hatte er seine Farm aus Altersgründen verpachtet, aber nicht verkauft. Dazu konnte er sich bis zu seinem Tod nicht entschließen; er starb als stolzer Besitzer einer Farm in der Sudetensiedlung Tomslake am 28.August 2013.

Richard Gebhart und seine Mitsiedler wurden in die kanadische Gesellschaft integriert, haben sich aber nicht einschmelzen lassen. Sie haben ihre sudetendeutsche Identität bewahrt. Beweis dafür war die musikalische Umrahmung der Trauerfeier von Richard Gebhart, die mit dem Heimatlied „Es war im Böhmerwald“ begann und mit Anton Günthers „S’is Feierobnd“ endete.

Ähnlich überraschend wie das Bekanntwerden mit Richard Gebhart war der Abschied von ihm. Meine Frau und ich entschlossen uns im Sommer 2013, die Fahrt nach Tomslake noch einmal zu unternehmen. Nicht nur um dort und in Dawson Creek die im Laufe des vergangenen Jahrzehnts gewonnenen Freunde zu besuchen, sondern auch um die unterwegs gelegene schöne Landschaft, einschließlich eines halben Dutzend Nationalparks in Kanada und den Vereinigten Staaten, zu genießen. Nach Ankunft in Dawson Creek erfuhren wir, dass Richard Gebhart drei Tage zuvor verschieden ist und in weiteren drei Tagen zu Grabe getragen werden wird. Das war ein beachtlicher Wermutstropfen in eine sonst recht schöne Urlaubsreise.

Es war Richard Gebhart vergönnt, 94 Jahre auf Erden zu wandeln. Vierundsiebzig davon verlebte  in Kanada als erfolgreicher Landwirt. In all diesen Jahren aber hatte er seine sudetendeutsche Heimat nie vergessen. Die Erinnerung an die ersten 20 Jahre seines Lebens in Peterswald blieb sowohl in seinem Gedächtnis als auch in seinem Herzen bis zum Ableben haften. Die ewige Ruhe sei ihm gegönnt. Rudolf Pueschel


 

 

Richard Gebhart (in rotem Hemd) und Werner Tschiedel, auch ein „39er“, vor der Gedenktafel mit den Namen der 1939 angekommenen Sudetensiedlern. Im Hintergrund ist Tomslakes Sudetenfriedhof mit dem Columbarium (vorn links), Richards letzte Ruhestätte. (Aufgenommen ca. 2010).

 

Richard Gebharts Beerdigung auf dem Sudetenfriedhof in Tomslake am 3. September 2013. In der vorderen Reihe die Gebhart Familie: Stehend zwei Söhne und sitzend seine Witwe Ricki (ganz links) und drei Töchter.

 

8:34 am pdt          Comments


Archive Newer | Older

Powered by Register.com