Sudetenbote

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Siedlungsgebiete der Deutschen in Boehmen, Maehren und Sudeten Schlesien

Willkommen zur Internet-Webseite des Sudetenboten. Sie wurde zusätzlich zur von Willi Wanka 1964 in Kanada gegründeten und heute von Hans Mirtes in Frontenhausen herausgegebenen Druckausgabe des Sudetenboten geschaffen, um Informations- und Gedankenaustausch im Sinne der Interessen, Ziele und Aufgaben der 1945-1947 entrechteten, enteigneten und vertriebenen Sudetendeutschen Volksgruppe zu fördern.

 

Der Sudetenbote unterstützt eine Europäische Union, in der alle Menschen, Volksgruppen und Völker gleichberechtigt in Frieden, Freiheit und Wohlstand miteinander leben können, im Sinne der von den Vereinten Nationen verabschiedeten Konventionen über Bürger- und Menschenrechte, einschliesslich des Rechts auf Heimat. Aus diesem Grund verurteilt er die Existenz und Anwendung von Rassengesetzen, wie die in Tschechien und in der Slowakei noch immer geltenden Beneš-Dekrete, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Entrechtung, Enteignung und Vertreibung der Sudetendeutschen führten. Der Sudetenbote fördert den Versuch einer Wiedergutmachung des an den Sudetendeutschen begangenen Unrechts.


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Thursday, April 21, 2016

Abschied von Illusionen?

oder

Verzicht auf Menschenrechte?

 

 

Seit 28. Februar 2015 ist der Bundesvorsitzende und Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL), Bernd Posselt, bemüht, in der Bundesversammlung der SL eine ausreichende Mehrheit (gegenwärtig etwa 70% von benötigten 75%) zur Änderung der Satzung der SL zu bekommen.  Die geplanten Änderungen sind Streichung des Anspruchs auf Wiedergewinnung der Heimat und Verzicht auf Forderung auf Rückgabe bzw. Restitution gestohlenen Besitzes.

 

Solche Forderungen sind für die noch lebenden sudetendeutschen Vertriebenen ein weiterer Abschied von Illusionen. Darüber hinaus sind Rechte auf Heimat und auf Besitz gottgegebene, unveräußerliche Menschenrechte. Somit ähneln Posselts Forderungen einem Verbrechen gegen die Menschheit.

 

Von Illusionen Abschied nehmen zu müssen ist für die deutschen Vertriebenen nichts Neues. Zum Beispiel mussten bereits vor 12 Jahren in USA lebende sudetendeutsche Vertriebene Abschied von Illusionen nehmen. Damals forderte der Sudeten-Amerikaner Karl Hausner von der tschechischen Regierung Entschädigung für das den Eltern zweier Verwandten geraubte Eigentum aufgrund zweier vom US Repräsentantenhaus verabschiedeten Resolutionen Nr. 557 und 562 (Concerning properties wrongfully expropriatred by formerly totalitarian governments/Betrifft die widerrechtliche Enteignung von Besitz durch ehemalige totalitäre Staaten) im Oktober 1998 folgenden Inhalts:

 

 „Die der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa beigetretenen Staaten haben vereinbart, die volle Anerkennung und den Schutz aller Arten von Eigentum, sowie den Schutz und das Recht auf unverzügliche, gerechte und effektive Entschädigung im Falle einer widerrechtlichen Enteignung von Privateigentum zur Nutzung für öffentliche Zwecke zu erzielen und zu wahren ...

Die Länder Zentral- und Osteuropas, des Kaukasus und Zentralasiens sind nach dem Kommunismus im Übergang zur Demokratie begriffen. Viele Länder begannen bereits mit dem schwierigen und schmerzlichen Versuch, das Unrecht der früheren totalitären Staaten wieder gut zu machen ...

Staaten, die dies bisher noch nicht getan haben, (werden) aufgefordert, widerrechtlich enteigneten Besitz den rechtmäßigen Eigentümern zurück zu geben oder, wenn eine Rückgabe nicht möglich ist, unverzüglich eine rechtmäßige und rechtswirksame Entschädigung zu zahlen, in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit und in einer Weise die gerecht, allgemein verständlich und fair ist ...

Kroatien, die Tschechische Republik, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und sonstige Nationen, deren Gesetze oder Verordnungen die Rückgabe von oder die Entschädigung für unrechtmäßig enteignetes Vermögen auf Personen beschränkt, die im Lande wohnen oder Staatsangehörige des Landes sind, von dem Rückgabe oder Entschädigung verlangt wird, (werden) aufgefordert, diese Einschränkungen aufzuheben..."

 

Auf der Basis dieser Resolutionen schrieb der in Illinois lebende Landsmann und Unternehmer Karl Hausner einen Brief an den damaligen tschechischen Parlamentspräsidenten Vaclav Klaus mit der Bitte, zwei in den USA lebenden Töchtern des Ehepaars Krommer-Weiss (die Mutter war Jüdin aus der Slowakei, der Vater Sozialdemokrat aus Sudeten-Schlesien) für geraubtes Eigentum zu entschädigen. Der Brief lautete: 

 „Sehr geehrter Herr Klaus! Der bekannte Graphiker und Kunstmaler Helmut Krommer, gebürtig aus Troppau, ein Großneffe von Hans Kudlich, heiratete eine Jüdin und arbeitete und lebte in Berlin bis zur Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933. Als aktiver Sozialdemokrat, verheiratet mit einer jüdischen Frau, war er dann gezwungen, mit seiner Familie nach Prag zu übersiedeln. Während dieser „Exilzeit" porträtierte er Präsident Beneš und Alt-Präsident Masaryk im Auftrag von Dr. Beneš. Beim Zerfall der ersten Tschechoslowakischen Republik ging er, wie viele andere Sozialdemokraten und führende tschechische Politiker, mit seiner Familie ins Exil nach England. Dort wurde er auch von Dr. Beneš unterstützt.

Nach Kriegsende 1945 reiste Frau Krommer nach Prag in der Hoffnung, Vorbereitungen für die Rückkehr ihrer Familie zu treffen. Dort erlebte sie die mit der Vertreibung der Deutschen verbundenen Grausamkeiten, die sie in einem Brief zusammenfasste, den wir mit Genehmigung der beiden Töchter Anna und Barbara nachstehend zitieren:

Im August d.J. war ich in Freiheit bei Trautenau, wo ich mit den Genossen Erben und Dr. Mühlberger zusammen kam und auch einigen Andern, deren Namen mir nicht bekannt sind. Alle waren in sehr verzweifelter Stimmung und schilderten die Lage der Deutsche - auch der Antifaschisten - als hoffnungslos. Trotz des Potsdamer Abkommens werden die Sudetendeutschen auf dieselbe brutale Weise ohne Unterlass deportiert. Ich selber sah während meines dreitägigen Aufenthaltes mehrere Lastautos vollgepfropft mit stehenden Männern, Frauen, Kindern jeden Alters in Richtung Grenze fahren. Ich bat die Genossen, alles aufzuschreiben und erbot mich, es selber in die Hände des Herrn Jaksch gelangen zu lassen. Sie taten das auch und übergaben mir zwei mit Schreibmaschine geschriebene Briefbögen. In Prag angelangt konnte ich aber Niemand finden, der den Bericht mitgenommen hätte und die Personen, mit denen ich rechnete, ließen mich im Stich.

Inzwischen war meine Lage auch schwierig geworden und ich verbrannte das Papier, merkte mir aber die Hauptsachen des Inhaltes, um sie hier mitzuteilen, da ich damals schon entschlossen war, die CSR zu verlassen. Die Lage in den Sudeten war damals so furchtbar, dass ich mich erbot, für die Genossen mit Hilfe des Herrn Kreibich ein Interview beim Innenminister Nosek zu arrangieren, um Abhilfe zu suchen. Ich erforschte Herrn Kreibichs Privatadresse, aber er war nicht zu Hause. Ich hinterließ ein Schreiben, in dem ich ihn bat, mich wissen zu lassen, wann ich ihn sprechen könnte, bekam aber keine Antwort. Später erfuhr ich durch einen Deutschen, dass Herr Kreibich meinen Brief wohl erhalten habe und auch für mein Anliegen Interesse hatte. Aber merkwürdigerweise erging es mir ebenso mit Dr. Karl Sitte. Wie ich später erfuhr arbeitete Dr. Sitte im Sicherheitsdienst.

Die im Schreiben der Genossen enthaltenen Hauptpunkte waren folgende:

1. Der Narodny Vybor in Trautenau (und auch anderswo) erkennt die tatsächliche Zahl der Antifaschisten nicht an, sondern behauptet, dass zu viele rote Armbinden ausgegeben werden und akzeptiert nur eine gewisse, viel geringere, von ihm willkürlich bestimmte, Anzahl. Durch dieses Verfahren werden zahlreiche Sozialisten enteignet und deportiert.

2. Die Plünderungen sind unbeschreiblich. Menschen werden wahllos um Hab und Gut gebracht. Sie dürfen 20 kg Gepäck mitnehmen, welches ihnen aber auch zum Teil noch diesseits der Grenze in vielen Fällen abgenommen wird.

3. Nach den Berichten einer glaubwürdigen Sozialdemokratin haben Hunderte von Frauen mit Babys in der Reichenberger Talsperre den Tod gesucht, um dem Martyrium zu entgehen. Sie luden die Kinder in Kinderwägen und stürzten sich mit ihnen in die Fluten.

4. Kein deutsches Kind darf eine Schule besuchen, auch keine tschechische.

5. Antifaschisten bekommen 20%, andere Deutsche, die nicht als Antifaschisten anerkannt werden, da sie nicht im Kerker oder Konzentrationslager waren, 50 % weniger Lohn als Tschechen.

6. Soldaten, die in der deutschen Armee gedient, oft verwundet oder krank von den Westmächten aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und nach Hause geschickt wurden, werden sofort nach ihrer Ankunft in der Heimat ins Konzentrationslager gesperrt.

Ich hörte viele Berichte über Misshandlungen, unter anderem auch von sozialdemokratischen Genossen. Nachher war es immer ein Versehen. Die Genossen Erben und Mühlberger bitten Euch auf das Innigste, ihnen beizustehen. Sie würden mit allen deutschen Genossen gerne das Land verlassen, nur um Ruhe zu finden. Alle möchten nach Kanada oder Amerika. Wenn dies nicht möglich sei, nach Deutschland. Aber nicht als Bettler, sondern mit Hab und Gut.

Ich kann ihre herzzerreißenden Worte nicht so wiedergeben, wie sie selber schrieben. Aber ich hoffe, mein Bericht wird genügen, ein Bild von ihrem Jammer zu vermitteln. - gez. Valerie Krommer

P.S. In dem Bericht hieß es auch, dass Antifaschisten ebenfalls aus ihren Häusern gejagt und in primitiven Baracken untergebracht werden'.

 

Soweit die Worte der Valerie Krommer, die wieder nach England zurückkehrte und sich von dem in der Nachkriegs-CSR erlebten Schock nicht wieder erholen konnte. Sie starb im Jahre 1948 voller Enttäuschung mit 52 Jahren. Helmut Krommer kehrte nie wieder in seine angestammte Heimat nach Troppau zurück, sondern emigrierte mit seinen beiden Töchtern Anna und Barbara in die USA. Dort verstarb er als enttäuschter Patriot, aber die beiden Töchter leben noch hier.

Anlässlich des Kudlich-Sippentreffens im September 2000 lernte ich Barbara kennen, die mit ihrem Gatten auch an der Busreise mit uns nach Lobenstein, Troppau, Herlitz, Schwansdorf, Preßburg und Wien teilnahm. In Wien, in der Galerie des Schlosses Belvedere, konnten wir ein Gemälde von Helmut Krommer besichtigen.

Wie uns die Tochter Anna Krommer mitteilte, wurde die Villa ihres Großvaters in Troppau, die auch von uns besichtigt wurde, von den Tschechen enteignet.

Obwohl Helmut Krommer als aktiver Sozialdemokrat und seine Gattin als Jüdin die Heimat verlassen mussten, so ist ihr Eigentum nicht zurückerstattet worden. Hinzu kommt, dass Helmut Krommer mit Dr. Beneš gut bekannt war und das nicht nur im englischen Exil.

 

Warum hat Ihre Prager Regierung, obwohl Mitglied der NATO, die beiden Resolutionen des US House of Representatives Nr. 562 vom 13. Oktober 1998 und Nr. 557 vom 9.Oktober 1998 ignoriert? Die Resolution Nr. 551, vom 9. Oktober 1998, behandelt die Rückgabe oder Vergütung jüdischen Besitzes. Sogar in dieser Angelegenheit ist wenig geschehen.          .

Bislang hat Ihre Regierung jüdisches, antifaschistisches und kirchliches Eigentum noch nicht grundsätzlich zurückerstattet und es ist an der Zeit, diese Schritte im Interesse des tschechischen Volkes und seiner Zukunft im Rahmen der Europäischen Völkergemeinschaft zu tun.

Falls Sie mit den Töchtern von Helmut Krommer direkt Kontakt aufnehmen wollen, dann bin ich gerne bereit, Ihnen ihre Anschriften mitzuteilen. Ich bin mit ihnen verwandt.

Ihrer geschätzten Rückantwort entgegensehend, gez. Karl Hausner."

 

Die Wirkung dieses Briefes und genannter Resolutionen auf den Vertreiberstaat Tschechische Republik folgt aus zwei Antwortschreiben der tschechischen Regierung auf den Hausner-Brief vom 6. Februar 2002. Am 25. Februar 2002 antwortete Präsident Klaus:

„Geehrter Herr Hausner, aufmerksam habe ich Ihren Brief vom 6. Februar d.J. ... gelesen.

Als Vorsitzender der Abgeordnetenkammer kann ich nicht für die Regierung der Tschechischen Republik sprechen. Ich kann Ihnen aber meine persönliche Meinung mitteilen. Als liberalkonservativer Politiker bin ich damit einverstanden, dass man sich mit der Vergangenheit ausgleichen muss. Ich meine aber, dass man historische Ungerechtigkeiten nicht mit politischen Gesten ausräumen kann, sondern nur mit sorgfältigem Studium der Geschichte und mit Verständnis für den Standpunkt des Anderen.

Soweit es um Restitution geht, so war ich nie ein begeisterter Befürworter derselben. Als zeitlicher Grenzpunkt wurde bei uns der 28. Februar 1948 festgelegt. Gleichzeitig wurde die Meinung vertreten, dass man Eigentum nur physischen Personen zurückgeben sollte. Einer von wenigen Fällen, wo dieses Prinzip angewendet wurde, war die Rückgabe von jüdischem Eigentum. Ich befürchte, dass bei der Fortsetzung der Restitutionen diese eine Destabilisierung der jetzigen Eigentumsverhältnisse in der Tschechischen Republik zur Folge hätten.

Gerne möchte ich noch betonen, dass ich zu Personen, die von Krieg und Vertreibung betroffen waren, ein tiefes Mitgefühl habe.

Hochachtungsvoll, gez. Vaclav Klaus."

 

Das ist eine an sich akzeptable Antwort, die ich persönlich schätzen würde, hätte der gleiche Parlamentspräsident Klaus nicht wenige Monate später seine Parlamentarier dazu manipuliert, geschlossen für die Beibehaltung der den sudetendeutschen Völkermord sanktionierenden Beneš-Dekrete als „unabänderlichen Bestandteil der tschechischen Rechtsordnung" zu stimmen. Deswegen ist seine Sympathieerklärung für „Personen, die von Krieg und Vertreibung betroffen waren", unglaubwürdig und nichts weiter als Heuchelei.

Klaus‘ Befürchtung, mögliche Restitutionen würden zur Destabilisierung der jetzigen Eigentumsverhältnisse in Tschechien führen, ist durchaus berechtigt. Aber es sollte doch möglich sein, über solch möglichen Destabilisierungen wenigstens reden zu können mit der Möglichkeit, ein „Verständnis für den Standpunkt des Anderen" zu entwickeln.

 

Eine Kopie von Hausners Brief ist, direkt oder indirekt, an das Büro des damaligen Ministerpräsidenten Zeman weitergeleitet worden. Das resultierte in der folgenden Antwort, datiert vom 20. März 2002:

 „Sehr geehrter Herr Hausner, Ihr Brief an Ministerpräsident Milos Zeman vom 6. Februar 2002 wurde von dem Regierungsamt an die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten weitergeleitet.

Die Tschechische Republik ist sich bewusst, dass es in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als die im Jahre 1939 abgetrennten Grenzgebiete noch nicht unter voller Kontrolle der Zentralregierung und ihrer Organe standen, dort zu Verletzungen und Verstößen gegen die Richtlinien und Anweisungen der Regierung kam. Diese Stellungnahme wurde eindeutig in der Tschechisch-Deutschen Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung vom 21. Januar 1997 im Artikel III formuliert.

Die Tschechische Republik ignoriert auf keinen Fall die von Ihnen zitierten Resolutionen (Nr. 557 vom 9.10.1998 und Nr. 562 vom 13.10.1998). Ganz im Gegenteil, schon im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit unmittelbar danach hat der Präsident der Republik Dekrete erlassen, die die Gültigkeit von Besitzübertragungen unter dem Druck von nationaler, rassischer und politischer Persekution aufgehoben haben. Der bis jetzt letzte Schritt der Regierung in dieser Bestrebung ist finanzielle Unterstützung des Stiftungsfonds für die Opfer des Holocausts (Legerova 1853/24, Praha 3, Tel. 00420/2/24261615, Fax: 00420/2/24262563, E-mail: neumannova@fondholocaust.cz, Webseite www.fondholocaust.cz). Diese Stiftung ermöglicht Entschädigung auch jener Opfer des Nazismus, die um sie im Rahmen der Nachkriegssitutionen nicht ersuchen konnten und keine tschechische Staatsangehörige sind. Auf diese Stiftung können sich auch die Töchter vom Herrn Helmut Krommer wenden. Sie müssen es aber selber machen, nicht durch einen Vertreter. - Mit freundlichen Grüßen, gez. Dr.jur. Marie Hamplova, Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit."

 

Entweder hat Dr.jur. Hamplova den Hausner-Krommer Brief nicht gelesen, oder sie hat ihn gelesen aber nicht begriffen, oder sie lügt. Absurd ist ihre Behauptung, Valerie Krommer wäre Opfer nicht tschechischer, sondern nationalsozialistischer Gewaltpolitik rassistischer Prägung. Und ihre Behauptung, die durch die Beneš-Dekrete sanktionierte tschechische Raubpolitik war „Besitzübertragung (ohne) rassische und politische Persekution" ist noch absurder, weil die Erfahrungen der Valerie Krommer bezeugen, dass betraft wurde, wer deutsch war, ohne Rücksicht auf Religion oder politische Überzeugung. Ihre größte Lüge aber ist die Behauptung, anti-deutsche Ausschreitungen in den Grenzgebieten wären 1945 außerhalb der Richtlinien der Regierung erfolgt.

 

Zum Thema Raubpolitik („Besitzübertragung") schrieb ich im Vorwort der Folge 3 des Sudetenboten folgendes: "'Es ist nicht machbar...' sprach, auf die Sudetendeutsche Initiative angesprochen, ein Professor der Berliner Humboldt Universität auf dem letztjährigen Seminar des Internationalen Willi-Wanka-Kreises im Heiligenhof. Zur Erläuterung gab er zu verstehen, dass die von der Sudetendeutschen Initiative geforderte Restitution die Wirtschaft der Tschechischen Republik zerstören würde. Dieses Eingeständnis ist ein Hinweis auf das gewaltige materielle Ausmaß des 1945/46 begangenen Völkermords. Die Ausgabe vom 7. Oktober 2004 der Sudetenpost berichtet, dass den Sudetendeutschen 1,15 Millionen Hektar Wald, 1,65 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Besitz, 55.000 Gewerbe-betriebe, 575.000 Wohngebäude, über eine Million Wohnungseinrichtungen mit dem gesamten Hausrat, 120.000 Kraftfahrzeuge, ferner Hotels, Gaststätten, Schulen, Krankenanstalten, Bäder- und Kureinrichtungen, sonstiges Gemeinschaftsvermögen, Kunstgegenstände, Büchereien, Prämienstände von Versicherungen etc. gestohlen wurden. Die Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen bewertete diesen Verlust mit 19.44 Milliarden Dollar. Das ist mehr als das European Relief Program (Marshallplan) 1947 für den Wiederaufbau der europäischen Wirtschaft insgesamt zur Verfügung gestellt hat. Trotzdem ist es einige Jahrzehnte nach der Vertreibung allen Sudetendeutschen (Beraubten) wirtschaftlich bessergegangen als (im Durchschnitt) den Tschechen und Slowaken (Räubern). Einer verdammenswerten Raubpolitik muss demnach eine verfehlte tschechoslowakische Wirtschaftspolitik gefolgt sein.

In ihrer Ausgabe vom 15. Februar 2005 gibt die deutsche Tageszeitung Die Welt einen Überblick über das Bruttosozialprodukt der EU Länder in den Jahren 2000-2002. Daraus folgt, dass das Bruttosozialprodukt Österreichs doppelt so hoch war wie das der Tschechischen Republik. Das ist bemerkenswert, weil die sogenannten historischen Länder Böhmen und Mähren vorm Ersten Weltkrieg 50% aller Steuereinnahmen der Donaumonarchie Österreich-Ungarn einbrachten. Nach dem Krieg beliebten die ‚Friedensstifter' 1919 Böhmen und Mähren ausschließlich der neugeformten Tschechoslowakei einzuverleiben und Österreich seiner wirtschaftlichen Existenzgrundlage zu berauben. Heute, 85 Jahre später, ist der Lebensstandard in Österreich doppelt so hoch wie in Tschechien. Irgendwas müssen die Österreicher richtig, die Tschechen aber falsch gemacht haben. Hat Beneš sich wirklich „um den Staat verdient gemacht"?

 

Der Hausner-Brief an die tschechische Regierung erregte die Aufmerksamkeit der amerikanisch-jüdischen Zeitschrift Aufbau. Diese zweisprachige, von 1934 bis März 2004 in New York erschienene Zeitschrift betrachtete sich als „Podium der Verständigung und des Dialogs zwischen Juden und Nicht-Juden". Sie wurde gegründet, um den von Europa kommenden jüdischen und politischen Flüchtlingen zu helfen, die bedrückenden Probleme der Fremdheit zu lösen, weil „Emigration den Verlust von Heimat, den Verlust von Sicherheit und Geborgenheit bedeuteten. Für Journalisten und Schriftsteller bedeutete Emigration auch den Verlust der Sprache. Im New Yorker Aufbau fanden sie eine ‚neue Heimat‘".

 

In einer der letzten Ausgaben, erschienen am 18. April 2002 unter dem Titel „Abschied von den Illusionen (Die Debatte um Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa)", befasst sich der Chefredakteur des Aufbau, Andreas Mink, mit der Hausner-Klaus-Zeman Kontroverse.  Es ist für ihn unfassbar, dass der „in Wisconsin als Milchbauer lebende Karl Hausner" es wagte, „jüdische Schicksale in seinen Dienst zu nehmen, sich im Windschatten von Resolutionen zu bewegen, die vor allem jüdische Ansprüche unterstützen sollen, und der für seine Agenda jüdische Kronzeugen anführt.

 

Darüber habe ich in Folge 5/6 in der im Oktober 2005 erschienene Auflage des Sudetenboten unter dem Titel „Deutsch-Tschechische Beziehungen im Amerikanisch-Jüdischen Aufbau" ausführlich berichtetMeine wesentliche Schlussfolgerung war, dass jüdische Opfer des Nationalsozialismus hemmungslos Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht fordern dürfen und auch bekommen, während Heimat- und Wiedergutmachungs-verlangen der deutschen Vertriebenen von den Eliten der Vertreiberstaaten und ihren Verbündeten lächerlich gemacht werden; das damalige Präsidiums-Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, Solomon Korn, tat solche Forderungen in der gleiuchen Auflage des  Aufbau als „wahnwitzig" ab.

           

Vor Hausner hatte bereits im Februar 1999 Hubert Kostron aus New York (gebürtig aus Glatz) in der tschechischen Botschaft in Washington für Aufsehen gesorgt, als er vier Monate nach der Verabschiedung der Resolution Nr. 562 durch das US Repräsentantenhaus in Amerika lebende Sudetendeutsche aufforderte, bei der Botschaft Restitutionsansprüche für enteignetes Vermögen zu stellen. Kostrons Anregung folgend sandte ich damals folgenden Brief an die tschechische Botschaft in Washington:

 

"Sehr geehrter Herr Botschafter: Bezugnehmend auf Resolution Nr. 562, die am 13. Oktober 1998 vom US-Kongress verabschiedet wurde, fordere ich hiermit von der Regierung der Tschechischen Republik die sofortige Rückgabe des 1945 von der Regierung der Tschechoslowakei widerrechtlich enteigneten Besitzes meiner Eltern. Bei diesem Eigentum, das auf Grund von Kopien von Grundbucheintragungen seit Jahrhunderten im Besitz meiner Familie ist, handelt es sich um Häuser und Grundstücke Nr. 77, 78, 79, 268 und 352 in Peterswald, Kreis Aussig, und um landwirtschaftliche Nutzflächen von 16.8 Hektar in Peterswald und 6.2 Hektar in Schönwald, Kreis Aussig. Ich bin der rechtmäßige Erbe des oben genannten Besitzes, der meinen Eltern im Verlauf der ethnischen Säuberung der deutschen Minderheit in Ihrem Land 1946 völkerrechtswidrig geraubt wurde; ethnische Säuberungen sind Menschenrechtsverletzungen auf Grund der Konventionen der Vereinten Nationen.

 

The Resolution Nr. 562 des US-Repräsentantenhauses fordert im Besonderen die Tschechische Republik auf, alle Diskriminierungen ihrer Staatsbürger rechtlich und verwaltungsmäßig einzustellen und verlangt gerechte Kompensation für verlorenen Besitz, falls dieser nicht rückerstattet werden kann.

Ich bitte um Zusendung der entsprechenden Formulare, mit denen ich formell Rückerstattung oder Kompensation widerrechtlich enteigneten Vermögens beantragen kann. Mit vorzüglicher Hochachtung, gez. Rudolf Pueschel." Auf eine Antwort auf diesen Brief warte ich noch heute.

 

Über meine und circa 100 andere bei der tschechischen Botschaft eingegangene Forderungen äußert sich Chefredakteur Mink im Aufbau am 18. April 2002:

„Die Resolution (Nr.562) hatte ... ganz unbeabsichtigte Folgen. Diese bekam zu Beginn des Jahres 1999 die tschechische Botschaft in Washington zu spüren. Dort gingen seither über 100 Formbriefe ein, in denen in die USA emigrierte Sudetendeutsche die Rückgabe ihres Familienbesitzes in Tschechien fordern. ... Die recht höflich gehaltenen Formbriefe wiesen ... darauf hin, daß es sich bei der Vertreibung der Sudeten um eine ‚Verletzung der Menschenrechte' gehandelt habe. In den Briefen steckt aber auch glühende Emotion. Zumindest ein Anspruchsteller konnte sich nicht zügeln und schrieb auf die Rückseite seines Umschlags: ‚An die tschechische Nation! Jetzt könnt Ihr Euren serbischen Brüdern die Hand geben. Die tun jetzt, was Eure Leute den Sudetendeutschen zugefügt haben. Nur wurdet Ihr nicht dafür bestraft. Aber Gott wird Euch bestrafen!'

Die Briefe trafen zu einem sensiblen Zeitpunkt bei der tschechischen Botschaft an der Spring of Freedom Street (Frühling-der-Freiheit-Strasse) ein: Anfang 1999 entschloss sich Prag nach einigem Zögern, sich im Namen tschechischer Überlebenden-Verbände in den Streit um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern einzuschalten.

Mit dieser Aufgabe wurde Dr. Antonin Hradilek betraut, der stellvertretende Botschafter. Der Arzt hatte vor 1990 dem Dissidenten-Milieu angehört. ... Am Ende der sozialistischen Ära war er für einige Wochen inhaftiert, weil er sich in einem TV-Interview für engere Bindungen zwischen den Tschechen und der Bundesrepublik ausgesprochen hatte. Hradilek erinnert sich auch daran, daß er seinerzeit in Prag mit dem Sudeten-Funktionär Bernd Posselt ein freundliches Bier getrunken hat.

Hradilek stand sicher nicht allein mit seiner positiven Haltung zur Bundesrepublik: Das Land war der Vorposten der USA, ein Symbol für Demokratie, Freiheit und Wohlstand. Inzwischen ist diese Sympathie einer Verbitterung gewichen, die sehr viel mit verletztem Nationalstolz zu tun hat: Die Vergangenheit - die ganze Geschichte und die Geschichten seit Mitte des 19. Jahrhunderts - steht wieder zwischen den Deutschen und den Tschechen.  ...

Besonders heftig wird ... über die Zeit zwischen 1918 und 1948 gestritten: Wurden die Deutschen in der Tschechoslowakei unterdrückt? Blieb ihnen daher praktisch gar nichts übrig als ‚heim ins Reich' des Adolf Hitler zu streben? Liegt die Verantwortung für das Münchner Abkommen und die Zerschlagung der ersten tschechoslowakischen Republik daher bei Prag? Für die Tschechen ist es ganz klar, daß die Sudeten ihren Staat gesprengt haben.

Sie legen ihnen daher die folgende Teilung, die brutale Vertreibung der Tschechen aus den Sudetengebieten (sic) und den Terror der langen deutschen Besatzung vor die Füße. Dabei haben sich Sudeten wie der Gauleiter (sic) Hans (sic) Hermann Frank besonders hervorgetan.

Die anschließende gewalttätige Vertreibung der Sudeten wirkt in einem schlichten Szenario von Schlag und Gegenschlag nur als bislang letzte Runde in einem fatalen und sinnlosen Ringen der Nachbarvölker. ... Aber wie ist die von keiner staatlichen Instanz gelenkte (sic) ‚wilde Phase' der gegen die Sudeten gerichteten Gewalt im Sommer 1945 zu erklären, bei der nach Sudeten-Auffassung 240.000 Deutsche ums Leben kamen? Die Historiker gehen allerdings längst von 18.000 bis 30.000 deutschen Opfern aus.

Zwischen 1938 und 1945 hat der Konflikt zwischen Tschechen und Sudetendeutschen eine ganz neue Qualität erreicht - nun betrieb die deutsche Seite von Staats wegen die ‚Vernichtung der tschechischen Nation'. ... Die Vernichtungspolitik der NS-Führung hat Nationen und Staaten in eine Zone der entfesselten Gewalt katapultiert, die eben nicht pünktlich zum 8. Mai 1945 eingehegt und beendet werden konnte. Diese von Deutschland ausgehende Auflösung moralischer und legaler Barrieren war ein dynamischer, nach 1941 immer schneller verlaufender Prozess, der uns heute nur auf einer sehr abstrakten Ebene nachvollziehbar erscheint. Deutschland hat eine Zone geschaffen, in der die Existenz von Abermillionen auf einen animalischen Kampf um das Überleben reduziert wurde. Beim Zusammenbruch der Nazi-Macht mußte sich dieses enorme Aggressions-Potential gegen alles Deutsche richten.

Es kann daher niemand bezweifeln, daß bei Kriegsende entsetzliche Verbrechen gegen die deutsche Zivilbevölkerung verübt wurden, die seit Jahrhunderten in Ostpreußen, Schlesien, dem Sudetenland, dem Banat gelebt hatten, um hier nur einige Gebiete zu nennen. Nur steht eben jetzt die Frage im Raum, wie die Deutschen mit diesem Unrecht umgehen sollen.

Die aktuelle Debatte um Flucht und Vertreibung zeugt vom Ausmaß der im Krieg entfesselten Gewalt. Sie treibt uns ganz offensichtlich in vielerlei Gestalt immer noch um - ja sie mag manchen locken, sie wieder anzufachen: Der Wunsch nach Revanche ist kein friedliches Sentiment.

Genau das schlägt der tschechischen Diplomatie aber aus den Formbriefen der Sudeten entgegen. Als diese 1999 bei Hradilek landeten, ließ er sie zunächst in der Ablage verstauben. Erst nachdem die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa Anfang dieses Jahres plötzlich Schlagzeilen machte, kramte Hradilek die Briefe wieder hervor. Im Februar hatte sich der tschechische Präsident (sic) Milos Zeman zu der Äußerung hinreißen lassen, die Sudeten seien Hitlers ‚fünfte Kolonne' gewesen. Damit hat er (eine) neue Debatte um die ‚Beneš-Dekrete' losgetreten. Seither trafen auch neue Sudeten-Briefe bei Hradilek ein.

Eines dieser Schreiben löste heftige Emotionen in der Botschaft aus: Da zitierte der in Wisconsin als Milchbauer lebende Sudete Karl Hausner den Bericht der ‚Jüdin Valerie Krommer' die im August 1945 miterlebt hatte, wie die ‚Sudetendeutschen auf brutale Weise deportiert', ausgeplündert und mißhandelt worden sind (Krommer ist Mutter der Dichterin Anna Krommer, die auch im Aufbau veröffentlicht hat). Auch Antifaschisten seien aus ihren Häusern verjagt und in primitiven Baracken untergebracht worden. Dann sprach Hausner Resolution 562 an und wies darauf hin, daß auch jüdische Familien bislang nicht von Prag entschädigt worden seien.

Das war eine ziemlich smarte, wenn auch nicht umwerfend neue Argumentation: Die Landsmannschaft-Leute (sic) nehmen jüdische Schicksale in ihren Dienst, bewegen sich im Windschatten von Resolutionen, die vor allem jüdische Ansprüche unterstützen sollen und führen für ihre Agenda jüdische Kronzeugen an.

Nun nahm die Botschaft den Fehdehandschuh auf. Die Diplomaten gingen in die Prager Archive und forschten nach den Familien der Anspruchsteller. Erste Ergebnisse nach wenigen Wochen: Ein hoher Prozentsatz der Anspruchsteller stammt aus Familien, in denen es nur so wimmelt von NSDAP-Mitgliedern, SS-Leuten und Trägern der ‚Medaille zur Erinnerung an den 1. Oktober 1938'. Diese hatte Nazi-Deutschland nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch das Münchner Abkommen vom September 1938 vor allem den Mitgliedern des ‚Sudetendeutschen Freikorps' verliehen. Heute würde man diese Organisation ‚terroristisch' nennen - sie hat mit ihren Anschlägen auf Einrichtungen der Tschechoslowakei erheblich zur Zerschlagung der Republik beigetragen.

Die tschechische Botschaft arbeitet nun daran, die Initiativen der Sudeten in USA vor der amerikanischen Öffentlichkeit bloß zu stellen. 'Nazi-Familien fordern Wiedergutmachung von den Opfern' wäre sicherlich eine Schlagzeile mit einigem Aufmerksamkeitswert. Und mancher dürfte der Versuchung erliegen, da eine ungebrochene Kontinuität von sudetendeutschem Terrorismus über Mitwirkung an der Nazi-Herrschaft bis hin zu den heutigen Aktivitäten der Landsmannschaft zu sehen.

Vergangenheits-Debatten entwickeln eine ganz eigene Sogwirkung. Bei den Recherchen zu diesem Text waren alle Gesprächspartner über die Macht der Emotionen verwundert, die da derzeit hochgespült werden. Wie damit umgehen? Es gibt außerhalb der Grenzen Deutschlands niemanden, der den Vertriebenen, aber auch den anderen Angehörigen der Kriegsgeneration dabei helfen kann, mit ihren traumatischen Erlebnissen, aber auch mit ihrer Wut und ihren Rachegelüsten fertig zu werden. Zuallerletzt die Tschechen, die ihrerseits von zornigem Nationalismus geschüttelt werden.

Das Wort von Egon Bahr, es sei ‚bitter aber auch notwendig' gewesen, den Vertriebenen die Illusion zu nehmen, jemals wieder in ihre Heimat zurück kehren zu können, trifft auch auf die aktuelle Situation zu: Das offene Gespräch über das Leid der Deutschen ist heute notwendig geworden. Am Horizont dieses Gesprächs könnte ein Ausbruch aus dem Raum der Gewalt stehen, der zwischen 1939 und 1945 von Hitler-Deutschland aufgerissen wurde. Politisch ließe sich dies durch eine allseitige Beilegung aller aus dem Vernichtungskrieg herrührenden materiellen Forderungen flankieren: Wo es keine Illusionen mehr gibt, da fehlt auch Befürchtungen die Substanz."

 

'Nazi-Familien fordern Wiedergutmachung von den Opfern' ist das übliche Schwingen der Nazikeule. Sie dient dazu, der Menschheit in Erinnerung zu rufen, dass im Rahmen einer seit 1945 existierenden Neuen Weltordnung Deutsche nur Täter aber niemals Opfer sein dürfen. Allerdings verfehlt sie diesmal ihr Ziel: Valerie Krommer war Jüdin und stand damit den Nationalsozialisten in keiner Weise nahe. Ihr Gatte Helmut sowie alle Personen, die sie in ihrem Brief erwähnt (Erben, Dr.Mühlberger, Kreibich, Dr.Sitte), waren Antifaschisten. Trotzdem wurden sie alle von den tschechischen Behörden verfolgt, benachteiligt und schließlich aus der Heimat vertrieben.

 

Es ist durchaus als positiv zu bewerten, dass Aufbau-Chefredakteur Mink das Kind beim Namen nennt: Er schreibt von Vertreibung, anstatt Abschub oder Umsiedlung. Und er bezeichnet die Vertreibung als Unrecht, anstatt als Notwendigkeit, Hitlers fünfte Kolonne zu vernichten (Zeman) oder den Frieden in der Welt zu sichern (Spidla). Aber er liegt falsch in der Annahme, ein Nicht-mehr-in-die-Heimat-zurück-wollen oder Restitutionsverzicht wäre eine Lösung der Probleme, die die Vertreiber-Nation Tschechische Republik sich mit dem Völkermord an der sudetendeutschen Volksgruppe aufgeladen hat. Die meisten der Vertriebenen haben schon lange keine Möglichkeit mehr, in die Heimat zurück zu wollen oder Vergütung für gestohlenen Besitz zu verlangen, weil sie nicht mehr am Leben sind. Die Zeitspanne, in der die Erlebnisgeneration insgesamt ausgestorben sein wird, ist eine einstellige Zahl von Jahren.

 

Mit dem Aussterben der Erlebnisgeneration findet der sudetendeutsche Völkermord seinen Abschluß. Die Regierenden in Prag, und ihre sie applaudierenden Kollegen in Berlin und anderswo, mögen diese biologische Lösung eines ihrer Probleme, von den überlebenden Sudetendeutschen andauernd des Völkermords beschuldigt zu werden, willkommen heißen. Sie sollen den Tag nicht vor dem Abend loben. Wir, die Erlebnisgeneration hinterlassen unsere Spuren durch Zeugenaussagen in Wort und Bild, um künftigen Historikern eine Gelegenheit zu geben, die von den heute in Prag Regierenden verbreiteten Geschichtslügen zu entlarven und den sudetendeutschen Genozid in der Geschichte den richtigen Platz einzuräumen. Zu dieser Aufgabe hat, unter anderen, der seit 40 Jahren erscheinende Sudetenbote und sein Gründer, der sudetendeutsche Sozialdemokrat, Hitler-Gegner und Gestapo-Flüchtling Willi Wanka wesentlich beigetragen.

 

Andreas Mink irrt auch in der Annahme, dass „außerhalb der Grenzen Deutschlands es niemand (gibt), der den Vertriebenen, aber auch den anderen Angehörigen der Kriegsgeneration dabei helfen kann, mit ihren traumatischen Erlebnissen ... fertig zu werden." Dazu äußert sich der langjährige Beamte bei der UN Menschenrechts-Kommission, Alfred de Zayas, in seinem Buch „Heimatrecht ist Menschenrecht":

„Die Vertreibung aus der angestammten Heimat ist ein weltweites Problem, das noch heute Millionen Opfer fordert und viele Historiker und Politiker beschäftigt. Die Vereinten Nationen, die Europäische Menschenrechtskommission bzw. der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, die Inter-Amerikanische Menschenrechtskommission und der Menschenrechtshof beschäftigen sich damit, insbesondere seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Auflösung der Sowietunion.

In den vergangenen Jahrzehnten ist viel auf universeller und regionaler Ebene getan worden, um das Recht auf Heimat und Besitz zu kodifizieren. Eigentlich sollte es keiner Kodifizierung bedürfen, weil alle Menschen eine Heimat haben mit dem im Naturrecht begründeten Anspruch, dort in Frieden zu leben und nicht von anderen daraus vertrieben zu werden. Jeder Mensch, jedes Volk und jede Volksgruppe besitzt dieses fundamentale Menschenrecht, das im Selbstbestimmungsrecht der Völker, im völkerrechtlichen Gewaltverbot, und im Annexionsverbot verankert ist.

Darüber hinaus stellt dieses Recht auf Heimat eine Voraussetzung zum Genuss anderer Menschenrechte dar, weil bürgerliche, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte nicht im leeren Raum, sondern ganz konkret auf dem Gebiet ausgeübt werden, wo der Mensch zu Hause ist. Deswegen beinhaltet die Verletzung des Rechts auf Heimat durch Vertreibung gleichzeitig die Außerachtlassung einer ganzen Reihe völkerrechtlicher Normen, zum Beispiel der universellen und regionalen Menschenrechtskonventionen, der Nürnberger Rechtssprechung und einschlägiger UN-Resolutionen.

Bei der Europäischen Menschenrechtskommission bzw. beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ist auf das im 4. Protokoll der Europäischen Menschenrechtskonvention enthaltene Vertreibungsverbot hinzuweisen, sowie auf das 1. Protokoll, das den Schutz des Privateigentums festlegt. In konkreten Fällen haben sich die Europäische Menschenrechtskommission und der Europäische Gerichtshof für Menschenerechte dazu geäußert. So stellt das Urteil vom 18. Dezember 1996 im Fall Loizidou vs. Türkei einen bedeutenden Präzedenzfall für die Anerkennung des Rechts auf Heimat, des Rückkehrrechts, des Rechts auf Privateigentum und des Rechts auf Schadenersatz dar".

 

Die von Amerikanern sudetendeutscher Herkunft an die Botschaft in Washington oder an die Regierung in Prag gestelltenen Forderungen, ebenso wie die 2000 ins Leben gerufene Sudetendeutsche Initiative, reflektieren das Bekenntnis zum Recht auf Heimat und auf Besitz im Sinne solcher Menschenrechte und sind nicht, wie Chefredakteur Mink zu erkennen glaubt, „Wunsch nach Revanche" der „kein friedliches Sentiment" sein kann. Dies kann ich für mich persönlich bezeugen, und dafür lege ich meine Hand ins Feuer auch für meinen im Juni 2004 verstorbenen Freund Karl Hausner, den Mink „einen in Wisconsin lebenden Milchbauer" nennt.

Trotz brutaler Vertreibung mit seiner Familie von seiner 26 Hektar großen Landwirtschaft in Sudetenschlesien im Jahre 1945, und trotz vorheriger Internierung mit 16 Jahren, verbunden mit brutaler Zwangsarbeit im Kohlebergbau bei nicht ausreichender Verpflegung und Verweigerung ärztlicher Hilfe (eine damals nicht behandelte akute Augenentzündung führte zu totaler Erblindung mit bereits 40 Jahren) versäumte Karl Hausner keine Gelegenheit, seine Heimat zu besuchen um der Zerstörung von Kirchen und anderer Kulturstätten Einhalt zu gebieten. Das tat er vollkommen selbstlos, weil es unvorstellbar ist, dass er jemals in Sudetenschlesien wieder sesshaft werden wollte.

Trotz allen erlebten Unrechts kannte Hausner weder Haß noch Rache. Während seiner Besuche in der früheren Tschechoslowakischen und heutigen Tschechischen Republik suchte er Freundschaft mit jenen, die heute das damals deutsche Sudetenland bewohnen und verwalten. "Ich bin nicht blind, ich habe bloß mein Augenlicht verloren", erinnere ich mich, ihn sagen zu hören. Und an anderer Stelle ermahnte er mich "du hast zwar dein Augenlicht, ich aber habe Visionen." Kein Zeuge des Vortrags seines "Vaterunser der Vertriebenen" wird jemals die dabei empfundene Rührung und Ehrfurcht vergessen können: "...Herr, vergib ihnen, denn sie wußten nicht, was sie taten!"

Nach Emigration in die USA im Jahre 1952 träumte er nicht nur, sondern lebte Hausner den "American dream". Praktisch aus dem Nichts brachte er es zum erfolgreichen Unternehmer und Farmer; der „in Wisconsin lebende Milchbauer laut Mink)" besaß 1200 Hektar Ackerland mit 3000 Milchkühen, und in Illinois besaß und leitete er erfolgreich eine Fabrik für medizinisch-technische Geräte, die noch heute produziert. Der mit dem geschäftlichen Erfolg verbundene Wohlstand erlaubte es ihm, seine politisch-philosophischen Ansichten ohne Rücksicht auf "political correctness" gewinnen und in bisher noch ungezählten Veröffentlichungen in Presse, Rundfunk und Film verbreiten zu können. Er zögerte auch nie, seine Ansichten den Regierungen in Washington, Berlin und Prag kund zu tun.

 

Abkehr von Revanche ist auch Sinn und Zweck der bereits 1950 verabschiedeten Charta der Heimatvertriebenen. In ihr verzichten die deutschen Heimatvertriebenen auf Rache, verlangen aber die Anerkennung ihres Rechts auf Menschenwürde und die Verwirklichung ihres Rechts auf Besitz und Heimat. Bekenntnis zu Menschenrechten bedeutet, daß solche Rechte in Anspruch genommen werden dürfen, aber nicht in Anspruch genommen werden müssen. Ich bekenne mich uneingeschränkt zur Charta der Heimatvertriebenen und gestehe allen Menschen in Gegenwart und Zukunft das Recht auf Heimat und auf Besitz zu, obwohl ich nicht die Absicht habe, jemals in meine angestammte Heimat im Sudetenland zurückzukehren. Das wiederum tut der Gültigkeit des 1947 gemachten Ausspruchs des britischen Juden, Sozialisten, Verlegers und Philanthropen Victor Gollancz keinen Abbruch: „Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindsam werden sollte, werden diese Vertreibungen als die unsterbliche Schande all derer im Gedächtnis bleiben, die sie veranlaßt oder sich damit abgefunden haben. ... Die Deutschen wurden vertrieben, nicht nur mit einem Mangel an Rücksichtnahme, sondern mit dem denkbar größten Maß an Brutalität."  Letzteres hat Valerie Krommer 1945 persönlich erlebt und beschrieben.

 

Rudolf Pueschel

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11:30 am pdt          Comments


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